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Vier Gedanken für die Zeit nach halb drei

Lieber Jörg, liebe Heidi, liebe große Familie!

... Einen Menschen wie Dich, lieber Jörg, ausgerechnet durch Halten einer Rede zu ehren, der Du doch selbst so viel geredet und geschrieben hast, gleicht eigentlich dem untauglichen Versuch, einen Urwald zu feiern, indem man ihm noch ein paar Blümchen daneben stellt. Es ist ungefähr so, als überreichte man dem Wildschwein, Deinem Lieblingstier, zum Geburtstag einen Borstenpinsel. Dennoch möchte ich gerne versuchen, zu diesem glücklichen und so erfreulichen Festtag eine Rede auf einen Vater zu halten, der das selber voraussichtlich viel besser, schöner und lehrreicher könnte.

In diesen Tagen bekommst Du wahrscheinlich viel Lobendes zu hören und zu lesen, denn Grund genug besteht von vielerlei Seite, und dem allem noch Originelles hinzuzufügen, ist gar nicht einfach. Ich unterscheide mich allerdings von den meisten Gratulanten wohl dadurch, dass ich Dich genau so lange kenne, wie ich lebe, und ich stelle mir vor, dass ich Dich deshalb vielleicht an einzelnen Punkten noch kompetenter loben könnte.

Wenn ich heute darüber nachdenke, welcher Teil meines Wissens auf welche Personen zurückgeht, dann nimmst Du – neben unserem Großvater Rudolf Daur, dem schwäbischen Seelsorger, Prediger und Vorausdenker – die zentrale Stelle ein, und ich denke, das geht wohl den meisten Söhnen mit ihren Vätern so. Ich finde aber doch immer wieder erstaunlich, wie viele Methoden und Gedanken, die ich heute ganz selbstverständlich benütze, bei genauem Erinnern auf Dich zurückgehen. Da gibt es ein breites Spektrum: Auf der einen Seite steht das Bäumepflanzen, das Du mir als Sechsjährigem im Park des Burckhardt-Hauses in Gelnhausen gezeigt hast. Die Mitte bildet das Handwerken mit allen möglichen Materialien, aus dem ich verstand, dass „Handwerker“ nicht ein Beruf, sondern eine Methode ist. Und am anderen Ende stehen die Grundlagen der Philosophie, die Du mir und einigen Schulfreunden in abendlichen Gesprächen erklärt hast. Dazu kommt eine lange Liste von Techniken, die Du mir so vorgemacht hast, dass ich Stücke davon für mich übernehmen konnte: Wie man ein Bild betrachtet, zum Beispiel, oder wie man ein Büro organisiert, worauf es beim Büchermachen ankommt, oder wie lange man einen Text von Hand kneten muss, bis auch andere Menschen etwas mit ihm anfangen können.

In meiner Erinnerung stehst Du natürlich überhaupt nicht allein: Da ist unsere Mutter Heidi, die mir die Welt der Töne und Rhythmen gezeigt hat, und unsere Großmutter Daur, die mir Theater und Oper näher gebracht hat, da sind Onkel und Tanten, die mir Tiere, Pflanzen und Steine erklärt, die mir Bücher zu binden beigebracht haben und Cello zu spielen – und viele andere Dinge mehr, um die ich heute froh und für die ich dankbar bin.

Dies alles hat mir sehr geholfen, mich in der Welt besser zurechtzufinden – in einer Welt, von der wir heute leider wissen dass sie jeden Tag explodieren könnte; in einer Welt, deren Krankheit wir erst zum Teil verstehen; in einer Welt, die Veränderungen dringend nötig hat und wo doch eigentlich keiner mehr einen Rat zu wissen scheint.

Du hast kürzlich einmal gesagt, wenn wir vor zehn Jahren gedacht haben, es wäre für die Erde fünf vor zwölf, dann sei es inzwischen wohl etwa halb drei – und ich finde, unser Zeitgefühl stimmt überein: Viel zu viel ist längst passiert, als dass wir noch hoffen könnten, mit unseren gängigen Regeln die Lage zu retten.

Wenn ich in diesen vergangenen Jahren, also gewissermaßen zwischen fünf vor zwölf und halb drei, darüber nachgedacht habe, was für neue Gedanken uns in dieser Lage wohl helfen könnten, dann sind Du und Großvater in diesem Nachdenken immer häufiger vorgekommen – Ihr beide gemeinsam, denn was mir dabei einfällt, bezieht sich fast immer sowohl auf Dich als auch ihn. Es sind vier Gedanken vor allem, die ich mir heute von Euch herleite. Alle vier sind ganz verschieden von unseren gängigen Denkmustern. Jeder von ihnen bedeutet einen Abschied von Vorstellungen, die uns heute noch ganz unvermeidlich scheinen. Ich denke, für mich sind sie vielleicht gerade deshalb heute, um halb drei, eine Hilfe.

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Der erste Gedanke heißt so: „Wir sollten, viel öfter als wir es eigentlich tun, wenigstens für Augenblicke das Gegenteil dessen denken, das uns sonst richtig und unumstößlich scheint.“ Nimmt man diesen Satz wörtlich, dann bedeutet er den allmählichen Abschied von allen Ideologien – auch von solchen, mit denen wir gute Ideen durchsetzen möchten.

Der Gedanke heißt im täglichen Leben, ehrlich und mit viel Phantasie immer wieder nachzuvollziehen, was in den Köpfen der anderen vorgeht. Er hilft so miteinander reden zu lernen, dass in unseren Gesprächen sich auch unser Denken verändert. Ich denke, er hilft, uns allmählich miteinander zu versöhnen.

Unser Großvater war ein Meister in dieser Kunst des Versöhnens. Ich habe selbst erlebt, wie dieser zutiefst friedliche Mann sich noch mit achtzig Jahren ernsthaft fragte, ob sein junger Enkel etwa recht hat, wenn er vor lauter Ausweglosigkeit der Lage in Lateinamerika eine Rettung nur in Gewalt und Revolution sah. Ich habe erlebt, wie wichtig für mich diese Bereitschaft zum gemeinsamen Nachdenken und zum Einnehmen meiner ganz fremden Position war. Sie war der erste Schritt, damit ich später von allein verstand, dass wir wohl keinen Konflikt auf der Welt mit Gewalt werden lösen können.

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Der zweite Gedanke für die Zeit um halb drei könnte so lauten: „Der Platz zwischen den Stühlen ist der eigentlich sinnvolle.“ Wendet man ihn an, bedeutet der Satz den allmählichen Abschied von allen Parteien – auch von solchen, mit denen wir berechtigte Interessen durchsetzen wollen.

Der Gedanke bedeutet praktisch, sich immer seltener auf eine der beiden Seiten zu stellen, immer seltener Konfrontationen zu schüren und stattdessen, bei aller Klarheit der eigenen Überzeugung, immer respektvoll zu prüfen, worin die Gemeinsamkeiten zwischen sich streitenden Gruppen liegen könnten, und mit Phantasie dafür zu sorgen, dass aus guten Kompromissen allmählich ein neues, gemeinsames Handeln entsteht.

Ich denke Du, Jörg, hast Dich in Deinem Leben mit viel Gefühl zwischen die zahllosen Stühle gesetzt, die es in dieser Zeit für politisch denkende Pfarrer geben kann. Wenn ich zurückdenke, fällt mir auf, wie schön symmetrisch man Dich über die Jahre kritisiert hat. Mir scheint, Du warst sehr oft in den Augen der einen Kritiker den jeweils anderen Menschen zu nah, und in denen der anderen Kritiker viel zu sehr für die jeweils einen Menschen eingenommen: Den Traditionalisten warst Du oft viel zu modern und den Modernisten eher zu konservativ; das amtliche Israel sah in Dir eher einen verdächtigen Freund der arabischen Völker, und deren Offizielle hielten Dich wohl eher für zu verständnisvoll mit den israelischen Juden; den grünen Fundis bist Du wohl oft zu realistisch und den grünen Realos zu fundamentiert; die einen Christen fanden Dich zu gottlos und den anderen warst Du zu kirchlich – und ich denke, dass man diese Liste noch weiter verlängern könnte.

Die große Zustimmung zu Deiner Arbeit zeigt, dass es trotz aller täglichen Ideologien und Parteien immer mehr Menschen gibt, die sich aus Gesprächen und Kompromissen Veränderungen erhoffen. Dein Beispiel zeigt aber auch, dass man dazu nicht nur viel Phantasie braucht, sondern zudem häufig seinen wirksamen Platz erst zwischen den offiziellen Stühlen findet.

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Auch der dritte Gedanke, den ich von Dir und von Großvater herleite, erklärt für mich Deine Wirksamkeit bei den Menschen, denn er heißt: „Wer unbedingt gewinnen will, verliert wohl auf lange Sicht.“ Wenn man diesen Satz ernst nimmt, dann bedeutet er den allmählichen Abschied von der Macht als einem Mittel zur Durchsetzung von Entscheidungen – auch von solchen, wie sie in dieser verfahrenen Lage des Planeten nun nötig sein werden.

Der Gedanke bedeutet praktisch, dass die nötigen Veränderungen wohl nicht durch gute Vorschriften zu erreichen sein werden, sondern viel eher durch gute Vorschläge. Er heißt, dass nicht kluges Belehren, sondern liebevolles Erklären zu Einsichten führt, die unsere Entscheidungen im Lauf der Zeit verändern.

Ihr beide, Großvater und Du, habt solche guten Vorschläge in großer Zahl gemacht, um Versöhnung, Kompromisse und Einsichten zu vermitteln. Von Großvaters Vorschlägen habe ich vor allem prägnante, lustige Sätze und geniale, kurze Geschichten behalten, die mir bei allen möglichen Gelegenheiten einfallen. Von Dir, Jörg, gibt es dagegen einen breiten Bücherschrank und ein langes Film- und Tonbandregal voll guter Vorschläge. Du hast unglaublich viel produziert, denn dies scheint mir sicher: Wer sich mit Ideologien, Parteien und der Macht zufrieden gibt, dem reicht eine Dogmatik, eine Organisation und die Mehrheit. Wer dagegen Gespräche führen und Kompromisse schließen will, wer hofft, dass sich durch gute Vorschläge und Einsicht unter den Menschen etwas bewegen lässt, der muss sehr viele verschiedene Beispiele finden, damit möglichst Viele die für sie geeigneten Gedanken im für sie geeigneten Medium finden

Ihr beide habt aber vor allem auch dies gewusst: Wir Menschen sind wohl im Besonderen deshalb so wenig fähig, uns probeweise in Frage zu stellen, uns zwischen die Stühle zu setzen und uns gute Vorschläge auszudenken, wir sind deshalb so wenig fähig zum Abschied von Ideologien, Parteien und Machtinteressen, weil uns all dies, wenn wir es ernsthaft versuchen, eigentlich Angst macht – noch viel mehr Angst, als wir im Leben aus guten Gründen ohnehin haben. Ich denke deshalb, Deine und Großvaters Nachricht ist eigentlich vor allem eine Botschaft gegen die Angst.

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Diese Nachricht gegen die Angst ist mein vierter Gedanke für die Zeit nach halb drei. Er heißt ganz einfach: „Alles wird gut!“ Wenn man ihn glauben kann, bedeutet er den allmählichen Abschied von all den vielen Ängsten, die unser Leben prägen und unser Denken und Handeln bestimmen.

Ihr habt beide in Eurem Wirken vor allem diese Nachricht erklärt, an vielen Beispielen und Übungen – denn das ist das Schwierige an ihr: Man kann sie erst als richtig erkennen, wenn man sie selbst auszuprobieren beginnt. Dass sie stimmt, wird erst klar, wenn man sich selbst auf die Suche macht nach einem Gott, der die alles bewahrende Liebe ist.

Man muss selber probieren – das ist, denke ich, die wichtigste Lehre, die ich in Sachen christlicher Unterweisung von zu Hause mit auf den Weg genommen habe. Mir fällt dazu vor allem der Satz des Großvaters ein, glauben könne man „sowieso erst ab vierzig“. Er hat damit wohl gemeint, dass man mit Gott Erfahrung braucht, und dass man lange und immer weiter nach ihm suchen soll. Er war aber auch sicher, dass Gott von allein überzeugt: Wenn er manchmal vorschlug, es für die Lösung der Probleme der Welt doch vielleicht mit dem Christentum zu versuchen – „bloß auf Probe und nur für drei Tage“ – dann war die Nachricht hinter dem Spott wohl eigentlich diese: Nach einer eigenen Erfahrung verfiele kein Mensch mehr auf die Idee, ein Christentum, wie er es verstand, noch einmal abzuschaffen.

Wenn man selbst probiert – davon seid Ihr wohl beide fest überzeugt – dann ist das Ergebnis vorhersehbar: Gott erklärt sich von selbst, man muss ihn nur ernsthaft suchen. Dann wird jeder schon selber merken, dass es stimmt, wenn dieser Jesus von Nazaret einfach behauptet: „alles wird gut!“ Er wird merken, dass wir uns darauf verlassen können – auch wenn wir vor lauter Ideologien, Parteien, Machtstreben und Angst in der Welt manchmal ganz mutlos sind.

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Das Gegenteil denken, den Platz zwischen den Stühlen suchen, nicht unbedingt gewinnen wollen und dabei wissen, dass alles gut wird: Ich danke Euch, Großvater Daur und Dir, lieber Vater Jörg, für diese vier Gedanken – ihm zum hundertsten und Dir zum siebzigsten Geburtstag. Sie sind mir eine Hilfe, mir eine Zukunft vorzustellen in der es für die Menschen und die Erde nach halb drei auch einmal Morgen wird – und dass dann am Himmel die Sonne erscheint.