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Vom gemeinsamen Finden neuer Gedanken

Wenn ich gefragt werde, was mich mit unserem Vater Jörg Zink in besonderer Weise verbindet, könnte ich eine bunte Reihe der Gemeinsamkeiten benennen, und doch ist ohne zu zögern dies meine Antwort: Wir denken, seit ich überhaupt denken kann, sehr gerne gemeinsam nach und suchen dabei nach neuen, unkonventionellen Gedanken, die praktisch nützlich sein könnten. Dieses gemeinsame Nachdenken ist seit nun sechs Jahrzehnten nie abgerissen, es hat sich allmählich intensiviert und zu einer Folge von Gesprächen entwickelt, die wohl beiden immer wichtiger wurden.

Für diese Gespräche darf man sich keinen vorgegebenen Rahmen vorstellen. Sie finden zwar manchmal in seinem Schreibzimmer statt, aber meistens besprechen wir uns eher nebenbei, wenn wir in der Werkstatt basteln, im Garten die Bäume und Pflanzen versorgen oder einfach nur in der Sonne sitzen. Es ist ein beiläufiges, jederzeit zu unterbrechendes und doch von einem roten Faden geleitetes Erzählen und Überlegen in ausgewogener Mischung aus Mühe und Spiel: Wir berichten einander, woran jeder gerade arbeitet, tragen neue Erfahrungen zusammen, Beobachtungen oder Ideen und vor allem auch eigene Fragen. Wir spielen uns die Gedanken zu wie einen Ball und tauschen sie aus, und dabei erwächst im Gespräch zwischen den denkenden Köpfen ein neuer Gedanke, den keiner von beiden vorher so gedacht hat. Wir nehmen ihn mit, um ihn weiter zu denken und zu überprüfen, ihn später vielleicht wieder aufzugreifen, zu entwickeln und genauer zu formulieren. Unsere Hoffnung, das Ziel der gedanklichen Mühe, die zugleich ein Spiel ist, liegt darin, ein besseres Verständnis zu finden über uns selbst, die umgebende, tägliche Wirklichkeit und das Leben, das alle zusammen auf dieser Erde führen.

Anlass zu neuen Gedanken besteht ja zuhauf: Es gibt kaum einen Bereich des täglichen Lebens, in dem es nicht nötig wäre, Neues zu erdenken und Neues zu probieren, um die Katastrophe zu wenden, in die sich die Menschen mit ihrem gesamten Lebensraum bis heute hineingedacht und hineingebracht haben, und in der es offenbar neuen Gedanken und neuen Ideen noch kaum gelingt, den Verlauf wirksam zu bessern. Wir suchen deshalb gemeinsam nach neuen Gedanken, um eine Lage zu wenden, von der die Wissenschaft längst beweist, dass sie alles in Frage zu stellen droht, das uns bisher als gegeben, üblich und sicher gilt. Wir wollen uns längst nicht mehr auf vorhandene Lösungsvorschläge verlassen, denn wir sehen besorgt, wie sich fast alle neuen Gedanken, warum auch immer, sogleich in Debatten verlieren. Wir teilen den Eindruck, dass offenbar sehr gewichtige Gründe verhindern, die gebotene Wende nicht nur im Denken, sondern wirksam und praktisch einzuleiten, und dies motiviert und bestärkt uns seit Jahren, nicht müde zu werden auf der gemeinsamen Suche.

Die Grundlagen des Nachdenkens wurden bei mir, wie bei Söhnen zumeist, durch den Vater gelegt: als vermittelte Grundüberzeugung, in der christlichen Botschaft nützliche Regeln für die Gestaltung des täglichen, praktischen Handelns zu finden, und als humanistische Schulbildung, ergänzt um eine Einführung in die Philosophie durch den Vater. Er nahm sich die Zeit, fast zwei Jahre lang wöchentlich mir und einigen Freunden in abendlichen Runden die Grundlagen und die Geschichte des Nachdenkens unserer Kultur zu erklären. Erst als ich dann Medizin studierte und Arzt zu werden begann, entfernten sich die Perspektiven, und seitdem betrachten wir unser gemeinsames Thema der Krisen und ihrer Bewältigung aus zwei sich ergänzenden Blickwinkeln als Seelsorger und Arzt, theologisch-philosophisch und medizinisch-ökologisch, mit dem Arsenal zwei verschiedener Denkmethoden.

Unsere Lösungsansätze waren deshalb zunächst nicht gleich: Vater bedachte die Krise und ihre Bewältigung vor allem unter dem Aspekt der christlichen Botschaft. Ihn wunderte und besorgte in erster Linie, warum diese schöne Botschaft, trotz ihrer Wirksamkeit auf das Denken des Einzelnen, bisher im Entscheiden und Handeln der Mehrheit so wenig bewirkt. Mir war dagegen vor allem daran gelegen, die nun einmal gegebenen Krisen mit praktischen Mitteln zu bewältigen. Mich wunderte und besorgte vor allem, warum es der Wissenschaft offenbar kaum je gelingt, ein Problem zu lösen, ohne sogleich zwei neue zu schaffen, die sie nur zunächst nicht sieht. Während für ihn der Schlüssel des Problems vor allem eine Frage des Glaubens, der Spiritualität zu sein schien, wuchs in mir der Eindruck, der Schlüssel liege vielleicht eher im logischen Denken, in der Rationalität. Ich äußerte früh den Verdacht, dass das logische Denken, obwohl es allgemein als vernünftig gilt, einen systematischen Fehler enthalten könnte. So nennt die Wissenschaft Fehler, die jemand so konsequent begeht, dass ihm nicht in den Sinn kommt, sie überhaupt für möglich zu halten.

Aus den beiden verschiedenen Ansätzen entstand so eine gemeinsame Kette neuer Gedanken, um diesen Fehler vielleicht in der bisher kaum praktizierten Verbindung der spirituellen und rationalen Seite des menschlichen Denkens dingfest zu machen – in der bisher nur selten erwünschten Verbindung von Phantasie und Gefühl auf der einen und dem Verstand auf der anderen Seite – und ihn so womöglich beheben zu helfen. Wir fühlten uns mit dieser Idee durchaus nicht alleine, denn wichtige Denker unserer Zeit hatten sich längst mit ähnlichen Fragen befasst. Schon vor fast siebzig Jahren tröstete der Zoologe Konrad Lorenz einmal meinen Großvater mit dem Versprechen, aus seiner Sicht stehe „die Menschwerdung des Affen – für später! – gesichert in Aussicht“. Mich selbst hat dann tief beeindruckt, wie der Nervenarzt Hoimar von Ditfurth in einem späten Fernsehgespräch die heutigen Menschen als „halbwahnsinnig“ beschrieb und sie „Wesen des Übergangs“ nannte. Auch was Vater aus der Philosophie zu berichten hatte, wies in diese Richtung: Dort meinten manche zu sehen, wie sich seit einiger Zeit das Denken zu verändern begann, und spekulierten, es könnte darauf hinauslaufen, dass die übliche strenge Trennung der Geistes- und der Naturwissenschaften durchlässig wird und die beiden Bereiche des Denkens unserer Kultur sich verbinden werden.

Ohne die Gespräche mit Vater hätte ich von alldem zunächst nichts gehört. Er war es, der mir zum Beispiel den Begriff „Paradigmenwechsel“ zum ersten Mal nannte, und das war gut zehn Jahre früher, als ich ihn in meiner Wissenschaft wiederfand. Er hat jahrelang zu dieser sehr komplizierten philosophischen Frage zahlreiche, meist abschreckend dicke Bücher gelesen, die ich mir niemals zugemutet und die ich auch kaum verstanden hätte. Ich war mit der Bewältigung aller möglichen praktischen Krisen in Gesundheit und Umwelt beschäftigt, und so war es gut, dass er mir in einfachen Sätzen beschrieb, was in der Philosophie ein „Paradigma“ ist – ein Beispielfall, der zum Modellfall wird: Ein zunächst als Ausnahmefall betrachteter Umstand wird als typischer Fall erkannt und zum Normalfall erklärt, wodurch sich im Denken ganz allgemein etwas ändert. Paradigmenwechsel konnten offenbar einzelne Fragen betreffen, sie konnten sich in Gruppen von Menschen ereignen, konnten sich in der Wissenschaft als nötig erweisen, und sie konnten sich offenbar auch, im Lauf der Zeit, im Bewusstsein aller Menschen ereignen. Das war uns beiden eine wertvolle Hoffnung.

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In den Jahren des gemeinsamen Nachdenkens fanden wir allmählich zu einem gemeinsamen Bild dieses Wandels, einem Umriss des neuen Denkens, einer Art Steckbrief neuer Gedanken. Dabei stimmen wir seit längerem darin überein, dass der Wechsel in eine nächste Stufe des Bewusstseins, wie immer er sei, zwei allgemeine Eigenschaften hat, die man „Individualität“ und „Konvergenz“ nennen kann.

Das Werk von Jörg Zink ist für mich ein höchst gelungenes, sehr eindrückliches Beispiel für diesen Wandel und die aus ihm entstehenden neuen Gedanken. Es ist ein buntes Mosaik mit klaren Mustern, zusammengesetzt aus einer großen Vielfalt einzelner Beispiele in Form von Büchern, Bildern und Filmen, Reden, Gedichten, Gebeten und Liedern. Sie alle erläutern die beiden Eigenschaften des neuen Denkens, wie ich finde, sehr anschaulich und sehr schön.

Neues Bewusstsein entsteht im Einzelnen

Die erste Eigenschaft, die wir früh benannten, ist die Individualität, in der sich der Wandel vollzieht: bei jeder und jedem Einzelnen, daher niemals bei allen zugleich, sondern immer in einer persönlichen, wenn auch ähnlichen Weise. Dies unterscheidet den heutigen Wandel vom großen früheren Wechsel, als die beweisbare Tatsache einer beweglichen Erde für alle zum zweifelsfreien Modell und zum Anlass für den gemeinsamen Wechsel zum heliozentrischen Weltbild wurde. Ganz anders wird heute ein persönliches Bild, ein Erlebnis, ein Eindruck, eine Erfahrung, einzelne Menschen veranlassen, Neues zu denken. Das heißt, es wäre ganz sinnlos, nach einem einzelnen „neuen Paradigma“ zu suchen, sondern jeder Mensch muss offenbar sein eigenes, typisches Beispiel für neue Gedanken finden. Das freilich kann dauern, und vielleicht sogar länger, als wir es uns leisten können. Um nicht zu resignieren, erschien uns deshalb eine weitere Annahme wichtig: Der Wechsel zum neuen Bewusstsein entspricht einem Wachstumsprozess, er kann daher trotz eines kaum bemerkten Beginns rasch an Dynamik gewinnen und um den Wendepunkt sogar sehr rasch verlaufen. Hat aber das Bewusstsein sich einmal gewandelt, kann nichts den Wechsel mehr rückgängig machen.

Das Werk von Jörg Zink gilt immer dem Denken und Spüren einzelner Menschen. Wenn er spricht oder schreibt, erreicht er mit seinen Büchern, Filmen und Reden zwar viele Menschen zugleich, aber seine Aufmerksamkeit, sein Interesse, gilt den Einzelnen, die seine Texte lesen, seine Bilder betrachten oder ihn sprechen hören. Er sieht seine Aufgabe darin, im Erleben und Erfahren des Einzelnen nützliche, hilfreiche, tröstende, ermutigende Gedanken wachsen zu lassen. Er tut dies ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, ohne Rechthaberei, sondern räumt immer die Freiheit ein, seinen Vorschlägen auch einmal nicht zu folgen.

Viel wichtiger als die Verkündigung einer Doktrin war ihm deshalb von Anfang an, allen einzelnen Menschen den eigenen, freien Zugang zur christlichen Botschaft zu ebnen. Es lag also nahe, zuerst das wichtigste Buch der Christen, das Neue Testament, und dann die ganze Bibel in beiden Teilen vom sprachlichen Hindernis zu befreien, sie im historischen Umfeld zu betrachten und damit die christliche Botschaft zurückzuführen auf ihre Anfänge in der Zeit des Jesus von Nazaret. Es ist das Bild dieses großen Menschen, das als Vorbild und Maßstab das Denken des Einzelnen in eine Richtung lenken soll, die in eigener Erfahrung mit Gott neue Gedanken erlaubt und ermöglicht.

Zugleich war ihm immer auch daran gelegen, Gruppen von Menschen im gemeinsamen Nachdenken anzuleiten und sie zu begleiten. Er hat es sehr gerne und oft übernommen, auf Kirchentagen, Katholikentagen und ökumenischen Tagungen gemeinsam mit Vielen neue gedankliche Wege zu gehen. Auch hier galt allerdings, wie ich meine, sein Ansprechen immer der einzelnen anwesenden Person: Er verstand sich, wenn er sprach, wohl nie als Unterhalter, sondern viel eher als ein Unterweiser, der in persönlich gehaltenen, einfachen Worten jedem und jeder im Raum einen Hinweis, eine Richtung, ein gedankliches Ziel aufzuzeigen begann. Hier liegt wohl die Faszination, das Berührende und das Bewegende in seinen Predigten, Vorträgen und Bibelarbeiten.

Neues Bewusstsein entsteht durch Bilder

Die zweite Eigenschaft des neuen Denkens, die Konvergenz, bedeutet, Spiritualität und Rationalität nicht mehr als Gegensatz zu betrachten, als streitende und konkurrierende Gegenüber, sondern als zwei sich ergänzende Hälften eines gedanklichen Ganzen. Das Bewusstsein verändert sich, indem der Verstand – gewöhnlich das leitende und entscheidende Instrument des praktischen Denkens – bewusst ergänzt wird durch Phantasie und Gefühl, und dabei verändert sich das Bewerten und mit ihm das Entscheiden grundsätzlich. Man kann es auch so formulieren: Der menschliche Verstand sieht ein, dass er weniger Fehler begeht und vernünftiger handelt, wenn er Phantasie und Gefühl als verfügbare, vernünftige Werkzeuge erkennt und beginnt, im täglichen Handeln beide Formen des Denkens zugleich, bewusst und konsequent, zu benützen.

Das gleichzeitige Denken mit Verstand und Gefühl bedeutet, dass Bilder und die durch sie ausgelösten Gefühle in den Gedanken eine wichtigere Rolle erhalten. Diese Eigenschaft neuer Gedanken lässt sich heute in sehr vielen Beispielen überall auf der Welt erkennen: Immer mehr Menschen weigern sich, den logischen Gründen für eine Entscheidung zu folgen, weil sie vor einem Bild erschrecken, das aus der Entscheidung entsteht. Natürlich fragt man sich noch immer täglich, ob wir alle „keine Augen im Kopf“ haben, wenn wieder einmal mit verdrehten Argumenten die schlimmsten Bilder der Ungerechtigkeit, Zerstörung oder Gewalt als nötig und richtig gerechtfertigt werden. Doch zugleich wächst weltweit die Bereitschaft, sich den wirklichen Bildern aus dem tatsächlichen Leben zu stellen und deren Begründungen noch einmal neu zu bedenken. Mein Vater und ich waren früh darin einig, dass im Wandel des Denkens ganz allgemein den Bildern und deren Wahrnehmen mit dem Gefühl die zentrale Rolle zukommen wird: Bewusst betrachtete Bilder und die dabei bewusst wahrgenommenen Gefühle werden im Lauf der Zeit den Verstand, die üblichen logischen Gründe, relativieren.

Das Werk von Jörg Zink zeigt auch diese zweite Eigenschaft des gedanklichen Wandels mehr als offensichtlich, denn bei ihm sind Bilder konstitutiv: Ohne Bilder ist mein Vater für mich schlicht unvorstellbar. Schon zu Hause gab es zahlreiche Bilder an fast allen Wänden, und zwei von ihnen begleiten mich seit meinem Anfang, sie empfand ich als eindrucksvoll und sie blieben mir wichtig: Da ist zum einen das „Paradiesgärtlein“ eines oberrheinischen Meisters des Spätmittelalters, das einen ganz rätselhaften, wunderschönen paradiesischen Garten zeigt, sehr verschieden vom Bild, das der Mythos von Eden erzählt. Und dann ist da der „Aufstand der Viadukte“ des Malers Paul Klee, dessen einzelne und doch in eine gemeinsame Richtung schauende Brückenbögen ich als Aufforderung dazu empfand, in gemeinsamer Ausrichtung meinen Platz auf eigenen Beinen, außerhalb jeder gewöhnlichen Reihung einer üblichen Brücke zu suchen. Ich bin froh, dass mich diese zwei Bilder aus dem Elternhaus seither gedanklich begleiten.

In seiner praktischen Arbeit als Pfarrer benützte unser Vater wohl schon von Beginn an das Mittel der bildlichen Darstellung in einer Weise, die in der protestantischen Verkündigung höchst unüblich war und für manche fast unzulässig erschienen sein muss. Er hat, als ich gerade das Lesen lernte, schon sehr systematisch und sicher Bilder zu verwenden begonnen, um mit ihnen seine Gedanken beim Lesen und Hören leichter verständlich und besser erspürbar zu machen. Wohl manche Gemeinde entdeckte zum ersten Mal den Diaprojektor als nützliches Mittel der Meditation, als er kleine Schachteln mit Diapositiven – zunächst jeweils eines alten Gemäldes in zahlreichen Ausschnitten – und einem zum Vorlesen geeigneten Text zu verlegen begann. Und nicht nur ich, sondern manche Gemeindehelferin hat wohl bei ihm den Gebrauch und den Nutzen der damals noch wuchtigen Tonbandgeräte gelernt, um neben der Orgel und dem Gesang auch andere, neue Töne in Gemeindesäle und Kirchen zu bringen.

Betrachte ich die Gesamtheit der Bilder, die in Vaters Büchern den Text begleiten, fällt mir auf, dass sie immer eine verstärkende, kaum einmal eine kontrastierende Aufgabe haben. Sie alle sind erklärende und begleitende Bilder: fröhliche, lachende, ernste, manchmal auch traurige und doch immer tröstliche Bilder. Dagegen sind, soweit ich überblicke, aufrüttelnde, schockierende, anprangernde Bilder nirgends zu finden. Seine Bilder wollen niemals bedrängen oder Furcht einflößen, sondern dienen als einfaches Mittel, um im einzelnen Kopf seiner Leserinnen und Leser eine Sicht auf das Leben entstehen zu lassen, wie er sie als christlichen Vorschlag versteht. Sie sollen sein Bild einer Welt vorstellbar machen, die eine gerechte, gemeinsame, heilsame und gelingende Zukunft hat.

So drücken einerseits die verwendeten Bilder immer das Bild aus, das er selbst als eigenes, inneres Bild der Zukunft vor Augen hat und dem er unbeirrt folgen will. Andererseits sind seine Texte ebenfalls von diesem inneren Bild geprägt, und so sah er sich verpflichtet, wenn es nötig war, auch einmal hart und kompromisslos zu reden. Er hat sich in seinen Texten oft an die Seite der Vergessenen in der Gesellschaft gestellt, der Benachteiligten, Bedrohten oder Verlachten, auch der Geächteten, denn gerade sie alle gehören im Bild seiner Zukunft untrennbar dazu. Er hat mit Entschiedenheit Stellung bezogen für Abrüstung und für den friedlichen Ausgleich verhärteter Fronten, hat den Schutz und die Heilung der Umwelt zum christlichen Thema gemacht, tatkräftig angepackt in den ersten Bürgerinitiativen und mitgewirkt bei der Gründung der grünen Partei – hier in gedanklicher Nähe am ehesten zu Petra Kelly. Er hat von der friedlichen Zukunft der Welt ein so sicheres Bild, dass er die Frage, ob man resignieren sollte, sich treiben lassen vom vermeintlichen Strom der Zeit, oder ob es die bessere Wahl sei, zu widerstehen und sich einzusetzen für eine gerechtere Welt, beantwortet mit einem klaren „Ich wähle den Widerstand“.

Wenn ich aus der Fülle der Bilder im reichhaltigen Werk des Vaters ein einziges, alles zusammenfassendes Bild wählen sollte, dann wäre es für mich das Bild des Gastmahls, wie es die Geschichten um Jesus von Nazaret vielfach beschreiben: Eine offene, freie, freundliche Einladung zur Gemeinsamkeit, ohne Voraussetzung oder Bedingung, und das Erleben einer gemeinsamen Zeit, einer erfreulichen Gegenwart: in der jeder bekommt, was er braucht, in der geteilt wird, was jeder mitgebracht hat, und nach der dann, jeder für sich, gestärkt und ermutigt sich aufmacht, neue, eigene Wege zu suchen, verändert durch das im gemeinsamen Mahl Erfahrene und Erlebte. Die Tatsache, dass es unter den Christen noch eine Minderheit gibt, die am großen Gastmahl des Herrn starrköpfig nur am eigenen Tisch und mit eigenen Tellern beteiligt sein will, kann deshalb in seiner Betrachtung, wenn ich sie richtig verstehe, kaum etwas anderes sein als ein bedauerliches, jederzeit korrigierbares und immer öfter schon korrigiertes Missverständnis über ein für ihn zentrales Gleichnis der christlichen Botschaft.

Im Werk von Jörg Zink spielen derart dogmatische Fragen kaum eine Rolle, und ich glaube, er hat sich am Streit um die wahre Lehre nur höchst ungern selbst beteiligt. Viel wichtiger war ihm, besser zu verstehen und dann anderen Menschen zu zeigen, worin das Gemeinsame, das Verbindende aller menschlichen Spiritualität besteht. Schon vor vielen Jahren erwähnte er einmal ganz nebenbei, für ihn sei inzwischen das eigentlich Interessante, den „Gott hinter den Göttern“ besser verstehen und beschreiben zu lernen. Damals las er noch einmal zahllose Bücher, um die vielfältigen spirituellen Traditionen aus 4000 Jahren Menschheitsgeschichte, die ihm im Prinzip vertraut waren, erneut sehr gründlich zu betrachten. Die Bücher, die dabei entstanden, sind für mich eine Pionierleistung im Sinn eines ernsthaften Anfangs hin zu einer globalisierten, auf alles Leben, Erde und Kosmos gerichteten Spiritualität. Sein Werk kann als leuchtendes Beispiel dafür gelten, wie unwichtig und wie nichtig die Unterschiede erscheinen, wenn man ernsthaft versucht, die spirituelle Erfahrung auch anderer Kulturen und Zeiten, anhand ihrer schriftlichen Zeugnisse und ihrer Bilder, für sich ganz alleine, im eigenen Kopf nachzuvollziehen, und wenn man allmählich, im Verbindenden und im Gemeinsamen ihrer Gedanken, den lebendigen, liebenden Gott hinter den Göttern zu spüren beginnt.

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Im gemeinsamen Nachdenken mit dem Vater – immer die frühen Schritte der Großeltern auch im Gedächtnis und mit wichtigen gedanklichen Beiträgen unserer Mutter – ist über die Jahre ein genaueres Bild des neuen Denkens entstanden, bestärkt und bestätigt durch zahlreiche Beispiele aus unserer weltweiten, täglich wachsenden Denk-Familie. Seit einigen Jahren sind wir nun beide sicher, dass dieser Wandel sich wirklich vollzieht: Es gibt in der Tat immer mehr Menschen, die in ähnlicher Weise neue Gedanken in einer Verbindung von Rationalität und Spiritualität suchen, und täglich entstehen aus ihnen praktische, neue Ideen und neue Projekte. Sie sind noch längst nicht so wirksam, dass man sagen könnte, der Wandel wäre demnächst schon geschafft – aber die Richtung ist klar, und immer mehr Menschen beteiligen sich am unaufhaltsamen Wachstumsprozess.

Ich wünsche uns allen, dass ein gemeinsames Nachdenken beiträgt zum Gelingen der offensichtlich unvermeidlichen und offenbar überall schon begonnenen Änderung aller Bewertungen. Dem Jubilar, unserem Vater, gilt mein tief empfundener Dank für die Gemeinsamkeit unserer Gedanken und mein Wunsch, er möge, solange es Gott gefällt, zusammen mit mir und mit anderen, mutig wie immer und weiterhin unverdrossen, neue Gedanken finden für eine bessere Zukunft der Welt!