Webseite zum 90. Geburtstag von Jörg Zink
Die Internetseite zum 90. Geburtstag von Jörg Zink

Etwas von der Familie

Dieser Text wurde im Frühjahr 2012 verfasst, als die Zeitschrift „Publik Forum“ für die zu Ehren des Jubilars geplante „Extra“-Ausgabe nach einem Beitrag
„aus der Sicht der Familie“ fragte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um den familiären Hintergrund und die Ergebnisse unseres gemeinsamen Nachdenkens in Form eines Briefs an die Leserinnen und Leser zu beschreiben. Mein Plan erwies sich in der für das Heft gewünschten Kürze als nicht realisierbar.
Da der Text auch den vorher nicht publizierten Bericht Das Märchen von Eden zusammenfasst und sich als Einstieg eignen könnte in eine Lektüre der längeren, systematischen Darstellung, schien diese Internetseite eine sinnvolle Lösung zu sein.

Liebe Freundinnen und Freunde bei Publik Forum,

das Wagnis, zum Neunzigsten unseres Vaters Jörg Zink etwas „aus der Sicht der Familie“ beizutragen, gelingt vielleicht am ehesten, wenn ich als Ausgangspunkte zwei andere, wenn auch nur vierzigste Jahrestage wähle, die im Jahr 2012 ebenfalls zu begehen sind.

Das erste der Jubiläen ist ein echter Grund zu Freude und Glückwunsch, denn Sie feiern das vierzigste Jahr seit Gründung Ihres Projekts. Seit schon vier Jahrzehnten sind Ihre Zeitschrift und zahlreiche Bücher Ausdruck eines unabhängigen, auf Vielfalt und Dialog gerichteten Denkens unter dem Vorzeichen der christlichen Botschaft. Das Motiv Ihres Vorhabens war die Feststellung, dass es mit dem bisher üblichen – auch dem üblichen christlichen – Denken, Entscheiden und Handeln ganz offensichtlich nicht mehr gelingt, die vielfältigen Probleme des heutigen Lebens zu bewältigen. Seit jetzt vierzig Jahren verfolgen Sie daher das erklärte Ziel, auf der Grundlage des christlichen Menschenbilds neue Gedanken zu finden, neue Ideen und neuen Mut, um durch ein verändertes praktisches Handeln die persönlichen, sozialen und globalen Krisen unserer Zeit zu wenden.

Die Dringlichkeit dieser Aufgabe zeigt der zweite der Jahrestage, denn er ist eher ein Grund zum Fürchten. Es ist auch vierzig Jahre her, seit der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vorgelegt hat, in dem er – zeitgleich mit dem Beginn Ihrer Redaktionsarbeit – aus der Sicht und mit der Methode der Wissenschaft nachwies, was einzelne aufmerksame Beobachter schon Jahre zuvor längst festgestellt hatten: Die Erde ist physikalisch viel zu klein, um ein ökonomisches Wachstum zu erlauben, wie es bis dahin allgemein als vernünftig und wünschenswert galt. Der Bericht argumentierte mit klaren Zahlen und Fakten, und man hätte hoffen können, nun sei für jeden vernünftigen Menschen hinreichend nachgewiesen, dass eine grundsätzliche Wende im bisher üblichen Denken nötig sein würde. Nichts hätte eigentlich näher gelegen, als die vielen klugen, gerade auch christlichen Vorschläge für ein neues Denken, die es längst gab, darauf zu prüfen, ob sie zu neuen Entscheidungen und zur Entschärfung der erkannten Gefahr beitragen könnten.

Leider erweist sich diese Hoffnung spätestens jetzt, zum vierzigsten Jahrestag des Berichts, als vergeblich, denn nun meldet der Club of Rome sich in seinem Bericht „2052 – Eine globale Prognose“ erneut zu Wort mit einem weit alarmierenderen Appell: Viel zu wenig hat aus Sicht der Wissenschaft bisher bewirkt, was an neuen Gedanken verwirklicht wurde, und zudem haben sich seither noch weit größere globale Probleme überhaupt erst gezeigt. Die Aufforderung lautet deshalb noch einmal, nun ganz unmissverständlich, es nicht bei einzelnen Korrekturen zu belassen, sondern einen wesentlich tiefer greifenden Wandel im Denken einzuleiten, um eine schon für die nahe Zukunft vorhersehbare, berechenbare und doch unvorstellbare Katastrophe der Menschen und ihrer Erde vielleicht noch abzuwenden.

Wie passt das zusammen? Woran liegt es, dass all die schönen „neuen Gedanken“ – denen auch unser Vater ein buntes Regal mit Büchern und Filmen beigefügt hat – bisher den Lauf der Geschichte so wenig beeinflussen können? Warum ist „neues Denken“ noch immer so erschreckend erfolglos, warum offenbar so wenig überzeugend zu vermitteln? Wieso verheddern sich neue Gedanken fast immer sogleich im Gewirr von Konferenzen und Kommissionen, Workshops und Hearings, ohne das immer neue Entstehen von Krisen und Kriegen verhindern oder den Lauf der Katastrophe greifbar, spürbar verändern zu können?

Wie der Einfluss des „neuen Denkens“ gestärkt, wie er wirksamer werden könnte, ist daher die Frage, der ich gerne zur Feier der Jahrestage aus der Sicht der Familie nachgehen möchte. Dabei meine ich mit „Familie“ zwar vordergründig eine Verwandtschaft, die mich mit Großeltern und Eltern verbindet, aber eigentlich viel weiter gefasst eine Verwandtschaft des Denkens mit zahlreichen Menschen, die sich wie meine Vorfahren in neuen Gedanken versuchen. Zum Glück ist diese Familie im letzten Jahrhundert, seit den Zeiten der Großeltern, erheblich gewachsen, und ich finde täglich neue Verwandte in allen Ländern, Kulturen und Religionen der Erde. Wer zu meiner Familie gehört, ist längst keine Ausnahme mehr, wir haben nur leider noch immer den entscheidenden Nachteil, uns einer kaum wirksamen Minderheit zugehörig zu fühlen, deren Vorschläge von der breiten Mehrheit zwar vielleicht als schöne fromme Wünsche, aber völlig unpraktikable Utopien betrachtet werden.

Bleibt man bei dieser Beurteilung stehen, hat man allerdings, wie ich überzeugt bin, nur noch nicht verstanden, worin das Besondere der neuen Gedanken besteht, die in meiner Denk-Familie seit gut einem Jahrhundert erfunden und ausprobiert werden. Ich erhoffe mir deshalb ein besseres Verständnis – und damit vielleicht eine größere Wirksamkeit – des neuen Denkens, wenn ich aus Anlass des hohen Geburtstags des Vaters zu beschreiben versuche, worin das Prinzip und die Merkmale dieser Art Denken bestehen, wo seine Schwierigkeit liegt, aber vor allem sein Nutzen für einen veränderten Umgang mit Konflikten und Krisen.

Mein Plan mag vermessen erscheinen – zumal für jemand, der selbst zu neuen Gedanken nur in der Nische seines Berufs praktisch beiträgt – und doch glaube ich es mir erlauben zu dürfen, weil ich am Beispiel meiner Familie vom ersten Tag an Gelegenheit hatte, den Unterschied zwischen dem „alten“, dem bisher üblichen Denken und ganz anderen, neuen Gedanken mitzuerleben. Großeltern und Eltern haben mir, jeder von ihnen auf seine Weise, Beispiel gegeben für eine Art Denken, wie es auch die Berichte des Club of Rome im Prinzip von der ganzen Menschheit fordern. In meiner subjektiven Zusammenschau des Enkels und Sohns ergibt sich daraus als „neues“ Denken nicht eine Anzahl von Einzelgedanken, kein Katalog neuer Ideen und schon gar keine Ideologie. Es handelt sich vielmehr um eine sehr allgemein beschreibbare neue Methode des Denkens, die sich radikal und prinzipiell von den bisher üblichen, unwidersprochen gültigen Denkgewohnheiten löst, dadurch neue Einsichten zu entwickeln vermag und dann, ganz logisch und sehr vernünftig, zu radikal anderen, prinzipiell neuen Ergebnissen kommt, aus denen sich die geforderte Wende im praktischen Entscheiden und Handeln fast wie von selbst ergibt.

Diese radikal andere, prinzipiell verschiedene Methode erscheint es mir wert, einmal im Zusammenhang beschrieben zu werden. Dabei wird sich zeigen, dass sie zwar die christliche Botschaft zum Ausgangs- und Ankerpunkt hat, aber durchaus viel allgemeiner verstanden und angewandt werden kann. Ich stelle mir vor, dass beides – eine Beschreibung der Methode des neuen Denkens und deren Verallgemeinerung über den christlichen Ursprung hinaus – es erleichtern könnte, den katastrophalen Widerspruch zu überwinden zwischen dem vielen heute als nötig Erkannten und dem wenigen bisher wirksam Erreichten.

Ein neues, nur anfangs familiär gehäuft aufgetretenes Denken

Anlass und Beweggrund dessen, was ich hier als ein „neues Denken“ bezeichne, war für nicht wenige aus der Generation meiner Großeltern die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die folgenden Revolutionen. Sie hatten alle soeben mit eigenen Augen gesehen und miterlebt, wie aus den Kämpfen zwischen Nationen, Klassen und Gruppen offenbar unausweichlich und unvermeidlich entsetzliche Bilder von Elend, Gewalt und Tod entstanden, immer vermeintlich gerechtfertigt durch unwiderlegbare, triftige Gründe. Diese Erfahrung verlangte, die „gute alte“ Zeit samt ihrer Logik, ihren Grundannahmen und Bewertungen für endgültig gescheitert zu halten und dringlich nach neuen Gedanken für ein neues, friedlicheres Miteinander der Menschen und Völker zu suchen.

Meine vier Großeltern beteiligten sich an dieser Suche, unter dem Leitstern der christlichen Botschaft, auf verschiedenen Wegen, aber mit dem gemeinsamen Ziel, in der gegebenen Lage christliche Lebensentwürfe zu finden, in denen sich ein ähnliches Elend, ähnlich schreckliche Bilder nicht mehr wiederholen würden. Nach ihrem Verständnis der christlichen Botschaft konnten all diese Bilder – trotz kirchlicher Segen für Panzer und Bomben, trotz Kanzelreden vom heiligen Krieg – nicht begründet, nicht logisch sein. Eine neue Art Logik, eine neue Art praktischer Vernunft erschien ihnen nötig, nach der schönere, erfreulichere Bilder zu erwarten sein würden, und ihr Glauben wies dabei die Richtung: Sie wollten ihr spirituelles Erleben bewusst – ganz prinzipiell und in jeder einzelnen Frage – dafür verwenden, neue Grundsätze, Maßstäbe und Regeln für ein Denken zu finden, in dem ein grundsätzlich neues Entscheiden und Handeln vernünftiger, logischer zu sein versprach. Sie wollten, wie einer der Großväter später zitierte, „nicht etwas ändern oder etwas verbessern, sondern ganz von vorne anfangen“.

Die einen Großeltern, Max Zink und Maria, geborene Geiger, wagten schon früh nach dem Krieg einen sehr radikalen Weg: Sie brachen auf aus ihrer alten Umgebung, kauften Land und ein Gehöft zwischen Spessart und Rhön und gründeten dort den „Habertshof“ als einen von mehreren christlichen Bruderhöfen, die in den frühen Zwanzigerjahren entstanden und kleine mit anderen vernetzte Zentren für ein neues Denken sein sollten. Sie verzichteten weitgehend auf eigenen Besitz, lebten und arbeiteten gleichberechtigt als Gemeinschaft, um frei von Rollenklischees und herkömmlichen Regeln von dem zu leben, was ihnen das Feld und der Garten zum Leben boten. Zugleich suchten sie mit Seminaren ihrer „Heimvolkshochschule“ und einem kleinen Verlag Verbindung und Austausch mit allen möglichen, ähnlich gesinnten Gruppen, vor allem des linken politischen Spektrums, um gemeinsam neue Gedanken und Vorstellungen für eine Gesellschaft der Zukunft zu finden.

Dieser „Neuwerk“-Bewegung war nur eine kurze Zeit beschieden, denn bei so grundsätzlich neuen Versuchen gehört wohl auch das Scheitern immer dazu: Beide Großeltern starben schon in den ersten Jahren an den Entbehrungen einer materiell nicht gesicherten Existenz, aber dieses Risiko war ihnen von Beginn an bewusst. Sie nahmen es in Kauf, denn es war ihnen ernst mit ihrem Plan: Viel zu wichtig erschien ihnen das Ziel, zu neuen Gedanken und Lebensweisen zu kommen, als dass die Gefahr eines Scheiterns sie hätte abhalten können. Wenn früher zu Hause von ihnen die Rede war, hatte ich nie das Gefühl, ihr Versuch sei es nicht wert gewesen, sondern im Gegenteil nötig und nützlich für alle, die mit ihm in Berührung kamen, auch wenn er nach herkömmlicher Betrachtung ein Misserfolg blieb.

Meine anderen Großeltern, Rudolf Daur und Elisabeth, geborene Steinheil, haben Max und Maria Zink zwar wohl nicht persönlich gekannt, aber sie bewegten sich gedanklich in eine ähnliche Richtung. Neue Gedanken entstehen nun einmal zunächst im Kopf von einzelnen Menschen, im Denken von kleinen Freundeskreisen, und die jungen Leute, die damals so dachten wie sie, müssen sich als winzige Minderheiten empfunden haben. Trotzdem standen sie alle, über persönliche oder schriftliche Kontakte, miteinander in der einen oder anderen Verbindung. Die damals beginnende „Jugendbewegung“ war geprägt durch ein offenes, konstruktives Neben- und Miteinander zahlreicher kleiner Gruppen und einen aufmerksamen und respektvollen, oft leidenschaftlich geführten Austausch zwischen den unterschiedlichsten Köpfen. Deshalb nehme ich an, dass alle vier Großeltern auch gemeinsame Freunde und Freundinnen hatten oder die eine oder andere Schrift voneinander kannten.

Diese anderen Großeltern wählten einen weniger individualistischen Weg. Sie hatten sich im gemeinsamen Studium der Theologie in Tübingen kennen gelernt und entschieden also, ihren Beitrag zur Suche nach neuen Gedanken im kirchlichen Rahmen zu leisten: mit einem Pfarramt, zunächst in Reutlingen und Rohr, dann an der Stuttgarter Markuskirche, und mit dem klaren Auftrag der Seelsorge in der Gemeinde und der Verkündigung der christlichen Botschaft. Großmutter beschrieb diese Entscheidung später als schwer, denn eigentlich hätten auch sie zunächst einen freien Weg einschlagen wollen: alles Hab und Gut verkaufen und „ohne Mantel, Taschen und Schuhe“, wandernd wie die frühen Christen, die frohe Botschaft verkünden. Erst nach einigem Ringen sei ihnen dann richtiger erschienen, „das Reich Gottes nicht herbeizuzwingen“ und für den weiteren gemeinsamen Weg eine Teilung der Aufgaben vorzusehen: Großvater sollte die Richtung bestimmen und Großmutter das Maß. So haben sie es ein Leben lang beibehalten, und vielleicht hat dieser kluge Gedanke auch dabei geholfen, der terroristischen Logik des Nationalsozialismus zu widerstehen und doch nicht – wie so viele, die dachten wie sie – in ein Lager oder ums Leben zu kommen.

Großvater Rudolf Daur, der schwäbische Seelsorger, Prediger und Vorausdenker, ist mein persönlicher Prototyp des neuen Denkens. Meine Erinnerungen an ihn reichen weiter zurück als die an den Vater, der in meinen ersten drei Jahren aus beruflichen Gründen oft nur am Wochenende daheim war. Großvater dagegen erlebte ich täglich, saß schon als Krabbelkind auf seinem Schreibtisch und war dabei, wenn er Briefe diktierte und telefonierte, wenn er seine zahlreichen Besucher empfing, ihnen zuhörte und mit ihnen sprach. Ihm von Anfang an und viele Jahre lang zuzusehen, wie er als ernsthafter, unabhängiger Christ sein Amt in solidarischer Distanz zu seinem Oberkirchenrat mit Leben erfüllte, war wohl eine besonders günstige Ausgangslage, um zu beobachten, was dabei herauskommt, wenn jemand im eigenen Denken konsequent und in jeder Frage versucht, Rationalität und Spiritualität zu vereinen.

Was ich bei ihm sah, hatte viele Gemeinsamkeiten mit dem, was ich auch über die früh gestorbenen Großeltern erzählt bekam: Bei ihm war unübersehbar, wie er in jeder einzelnen Frage ganz gleichberechtigt mit dem Verstand und dem Gefühl zu denken schien und es ihm nichts ausmachte, wenn sein Ergebnis als unlogisch galt. Großvater schaute sehr genau hin und beurteilte, was er dabei sah, nicht nur nach den objektiven Gründen, sondern auch nach dem ganz subjektiven Gefühl, das er beim Hinsehen empfand. Er konnte wunderbar Märchen erzählen und verwendete Anekdoten, Beispiele und Bilder genau so überzeugend wie Argumente, und wenn er beim Denken wieder einmal zu einer ungewöhnlichen, unüblichen Schlussfolgerung kam, bereitete ihm das keine Sorgen: „Ich gehe eben dreißig Jahre vor“, meinte er dann und blieb zuversichtlich, nur aus Sicht seiner Zeit unvernünftig zu denken.

Großvater Daur war ein Meister des aufmerksamen Dialogs. Er hatte keine Berührungsängste gegenüber fremden Auffassungen, sondern es fiel ihm im Gegenteil leicht, sich im Gespräch auf sie einzulassen, sie ernst zu nehmen und zu betrachten, ohne den eigenen Standpunkt dabei zu verlieren. Er stand im Austausch mit einer Vielzahl von Menschen, lud sie ein zu Gesprächen und versuchte in vielerlei Gruppen, mit Menschen aus anderen Lebensbereichen neue, gemeinsame Standpunkte zu finden: Er war beteiligt am friedlichen Projekt des Internationalen Versöhnungsbunds, am gewaltlosen Projekt der Kriegsdienstverweigerer, am ökumenischen Projekt des Vereins Una Sancta, am therapeutischen Projekt der Vereinigung Arzt und Seelsorger, und am frühen ökologischen Projekt der Lebensreformbewegung. Er führte im Köngener Bund einen eigenen Kreis unabhängiger, für neue Gedanken offener Menschen zusammen und suchte Gespräch und Verständigung mit den Gläubigen anderer Religionen. Ziel dieser lebenslang weitergeführten Dialoge war immer, auf konkrete Fragen des geistigen und politischen Lebens eine gemeinsame Antwort zu finden, damit die von Krisen geschüttelte Welt einmal friedlicher und gerechter sein könnte.

Die meisten, die ihn kannten, liebten ihn sehr und ermutigten ihn, weiter voraus zu gehen. Aber auch Unverständnis und Widerstand brachten ihn nicht aus der Ruhe, er lachte dann lieber und erfand vielleicht noch einmal ein neues Spottgedicht. Ich erinnere den Großvater als fast immer fröhlichen, sehr geduldigen Menschen, der keinerlei Eile mit den anderen hatte, keine Angst vor Kritik, Blamagen und Niederlagen, denn ihm war vor allem daran gelegen, den ehrlichen, respektvollen und wertschätzenden Dialog zu erhalten. Zugleich schien er mir bei aller Besorgnis mit viel weniger Angst in die Zukunft zu schauen als andere Menschen, denn da hatte er ein gewachsenes, sicheres Gottvertrauen.

So war dieser Großvater Daur für mich zwar ein Musterbeispiel des neuen Denkens, aber zugleich auch für seine Grenzen: Wer ihn kannte, bestätigte mir gern, dass die Welt eine völlig andere wäre, wenn alle so dächten wie er, aber sie gaben mir meistens auch unverblümt zu verstehen, dass das leider nicht geht, weil im „richtigen“ Leben andere Maßstäbe und Regeln des Denkens zu gelten hätten. Auch ihm selbst war diese Einschränkung schmerzlich bewusst, und er bat dann manchmal im Spaß, man möge zur Lösung der vielen Probleme der Welt es doch „jetzt einfach, alle zusammen, einmal mit dem Christentum probieren – nur für drei Tage und bloß auf Probe“. Er schien völlig sicher: Nach drei Tagen Erfahrung mit einem Leben, wie er es als christlich empfand, würde niemand mehr auf den Gedanken verfallen, noch einmal zum alten, üblichen Denken, ins alte, „richtige“ Leben zurückzukehren.

Von den glücklichen Kinder- und Jugendjahren mit Eltern und Schwestern, ihrer Vielfalt und Reichhaltigkeit habe ich zu einem früheren Jubiläum des Vaters schon einmal erzählt und ihm für sein Vorbild und seine Beispiele gedankt, und all dies verdiente noch einmal erwähnt zu werden. Hier soll es beim nüchternen Blick in Vaters Schreibzimmer bleiben, weil mir seine Arbeit nach dem prägenden Anfang aus der Perspektive von Großvaters Tisch vor allem als die enorme Leistung erschien, die neuen Gedanken, die Großvater noch intuitiv, tastend und manchmal unscharf, vielleicht der prinzipiellen Neuheit seiner Gedanken nur zum Teil bewusst, vorausgedacht hatte, in höchst kreativer und ausdauernder Pionierarbeit bewusst und systematisch so weiterzudenken, zu verändern, zu erweitern und zu entwickeln, dass sie allgemeiner verständlich und konkreter anwendbar wurden. Seine Arbeit wirkte auf mich wie eine Art Weiterführung in einer nächsten Ebene, wobei mit unermüdlichem Fleiß und großer Phantasie, in allen nur möglichen Variationen und fast wie am Fließband, Beispiele dafür entstanden, wie Großvaters Art zu denken vielleicht doch praktiziert werden könnte – und sei es zunächst in möglichst vielen Einzelfragen. Schon die Doktorarbeit über den Kompromiss, an deren aufwändige Produktion und abschließende Feier ich mich gerade noch erinnere, schien dazu gut zu passen, und mir schien völlig normal, wie er von Anfang an zusammen mit Großvater für Frieden, Abrüstung und einen Wandel im Denken der Amtskirche eintrat. Auch wie er später, als ich mich bewusster dafür zu interessieren begann, es unternahm, den Lesern der biblischen Nachricht eine eigene Deutung zu erleichtern, indem er für eine verständliche Sprache sorgte und sie in den historischen Zusammenhang stellte, fand ich konsequent und vernünftig, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es zuerst auch laut jammernde Kritiker gab.

Vor allem aber empfand ich als sehr überzeugend, wie er den Bildern einen größeren Raum im Denken zu geben begann, indem er – neben dem gesprochenen oder geschriebenen Wort – das Betrachten und die Wirkung von Bildern zum Nachdenken über Glaubensfragen zu nutzen begann. Das war damals noch durchaus unüblich und passte doch sehr gut zu dem, was ich über die Wirkung von Bildern in Großvaters Märchen erlebt hatte: Es begann – für die damalige Zeit sehr innovativ – mit kleinen Diapositiv-Serien und begleitenden, zum Vorlesen geeigneten Texten, dann kamen die ersten Fernsehbeiträge hinzu, schließlich Filme und reich illustrierte Bücher, in denen neben den Texten die Bilder einen gleichberechtigten Platz bekamen. Er hat viel und gerne selbst photographiert, und das nicht in erster Linie, um schöne Bilder zu zeigen, sondern vor allem, um seine Gedanken mit Hilfe der Bilder leichter verständlich zu machen.

Zugleich hielt auch er, wie ich es schon von Großvater kannte, die Augen offen für die täglichen, wirklichen Bilder der Not, Gewalt und Zerstörung, die es überall auf der Welt zu sehen gab. Es war deshalb für mich immer nur folgerichtig, dass er schon früh über die fehlende soziale Gerechtigkeit in der Welt, die Gefahren durch Rüstung und Kriegsvorbereitung und die Bedrohung der Lebensräume der Erde zu reden begann und sich in Projekten für neue Sozialarbeit, Friedens- und Umweltpolitik engagierte. Auch dass er sich seit einigen Jahren vor allem darauf konzentriert, sehr allgemein über Spiritualität und Ethik des praktischen Handelns zu reden, ergab sich in meinen Augen wie selbstverständlich.

Ähnlich „logisch“ ist aus meiner Sicht auch die Art und Weise, in der dieses Lebenswerk über die Jahre entstand, denn eigentlich muss man sich unter dem Schriftsteller „Jörg Zink“ zwei Personen vorstellen: Seine zahlreichen schriftlichen Beispiele und Vorschläge für ein neues Denken entstanden fast durchgängig im gemeinsamen Nachdenken beider, des Sohns von Maria und Max Zink und der Tochter von Elisabeth und Rudolf Daur. Unser Vater und Mutter Heidi sind sich über die bereits erwähnten Verbindungen zwischen den Älteren früh schon begegnet, und nach der zweiten Kriegskatastrophe, die alle neuen Gedanken der Großeltern nicht hatten aufhalten können, wurden sie bald ein Paar und sind seitdem immer beide beteiligt, bevor neue Texte das Haus verlassen: Er schreibt eine Fassung, dann liest er sie vor, spricht mit ihr darüber, hört zu und schreibt dann die nächste – so oft, bis beide gemeinsam glauben, die neuen Gedanken seien verständlich und nützlich genug, um herausgegeben zu werden.

Dieses Vorlesen jedes neuen Gedankens, seine Spiegelung in einem zweiten Kopf und das gemeinsame Nachdenken darüber verändert die Manuskripte natürlich fast immer erheblich, und die Methode ist für beide bestimmt nicht immer leicht. Sie erfordert von beiden den Mut, ein Werkstück gemeinsam aus der Distanz zu betrachten, und es bedarf zudem beim einen der Fähigkeit, einfühlend nachzufragen und konstruktiv vorzuschlagen, und beim anderen der Bereitschaft, schon für gelungen befundene Sätze wieder zu streichen und noch einmal neu nach anderen, besseren Sätzen zu suchen. Die Methode gelingt nur, wenn beide Beteiligte wissen, dass sie auf unbedingter Gegenseitigkeit fußt, und wenn sie getragen wird von einer gemeinsamen Überzeugung hinsichtlich Absicht und Ziel all der Schreiberei: des immer neuen Suchens und Findens sinnvoller und praktikabler, zukunftsweisender, tröstlicher und ermutigender Gedanken mit festem Bezugspunkt allein im christlichen Glauben.

Diese sechs Menschen sind, wie eingangs gesagt, nur meine persönlichen Beispiele für das neue Denken. Gut sechzig Jahre lang habe ich ihnen bis jetzt aus der Nähe beim Denken zugeschaut und dabei allmählich verstanden, dass ihre Gedanken ein gemeinsames Prinzip und gemeinsame Merkmale haben. Sie will ich deshalb im weiteren allgemein zu beschreiben versuchen und hoffe darauf, dass vielleicht so diese neuen Gedanken weniger spezifisch christlich – und also für immer mehr Menschen beinahe exotisch – und weniger fakultativ erscheinen könnten – also abhängig vom eigenen Gutdünken oder Glauben. Stattdessen will ich sie gerne als das erklären, was sie nach meinem Verständnis vor allem sind: zwar eindeutig christlich motiviert und begründet, aber zugleich, ganz allgemein, die bewusste, logische und sehr vernünftige Korrektur eines alten, lange Zeit kaum bemerkten Mangels im bisher gewohnten, üblichen Denken.

Das Prinzip des neuen Denkens

An dieser Stelle ist ein kurzer Exkurs in die Wissenschaft nötig, denn wenn Menschen „denken“, wirken dabei im Gehirn zwei grundsätzlich verschiedene Mechanismen zusammen. Der Mensch denkt – und das wird ihn auch vom besten Computer dauerhaft unterscheiden – immer zugleich auf zwei Weisen, die man „digital“ und „analog“ nennen kann. Sie sind völlig verschieden, und wir benützen doch immer beide zugleich, wenn auch sehr unterschiedlich bewusst und in ganz verschiedener Mischung – und hier liegt der Kern des Problems.

Als „digital“ bezeichne ich das Denken in Zahlen, in Unterschieden und Gegensätzen, es ist das rationale, logische Denken mit dem Verstand, das man auch analytisch, dissoziativ oder intellektuell nennt und von dem die Wissenschaft meint, es finde im Kopf vor allem linksseitig statt. Wenn man digital denkt, muss man sich entscheiden, denn es gibt in jeder einzelnen Frage nur ein einziges richtiges Ergebnis – wie beim Computer, dem immer nur eine Lösung als „richtig“ gilt. Digitale Gedanken können aus Prinzip immer nur entweder richtig sein oder falsch, gut oder böse, nützlich oder schädlich, wichtig oder unwichtig, dritte Möglichkeiten sind hier nicht vorgesehen. Kommen daher zwei Menschen im digitalen Denken zu verschiedenen Ergebnissen, kann etwas nicht stimmen, und es muss nachgehakt werden. Das macht diese Art von Gedanken zwar höchst effektiv für das tägliche Leben, aber es führt auch unvermeidlich immer wieder zum Streit um die richtige, gute, nützliche Lösung in sämtlichen Einzelfragen.

Als „analog“ bezeichne ich dagegen das Denken in Bildern, in Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, es ist ein emotionales Denken mit dem Gefühl, das man auch synthetisch, assoziativ oder intuitiv nennt und von dem die Wissenschaft meint, es finde im Kopf vor allem rechtsseitig statt. Wenn man analog denkt, ist man frei, sich nicht zu entscheiden, denn analoge Gedanken sind vielschichtig und oft uneindeutig, und man kann mit dem Gefühl oft mehrere Lösungen zugleich erspüren: Man betrachtet ein Bild und lässt es wirken, vergleicht seine Ähnlichkeit mit anderen Bildern, die man zugleich zu bedenken versucht, achtet nur auf das Gefühl, das dabei im eigenen Empfinden entsteht und kommt oft auch auf diese Weise zu einem Ergebnis, dass überzeugen kann, richtig, gut und nützlich erscheint. Der Nachteil dieser Art von Gedanken ist, dass man keinen anderen Menschen zwingen kann, in ähnlicher Weise zu empfinden, denn das Denken in Bildern ist ein ganz persönliches Denken.

Im Prinzip ist jeder Mensch frei zu entscheiden, in welchem Umfang die beiden Formen des Denkens zum Ergebnis beitragen sollen. In unserer Kultur hat allerdings schon seit mehreren tausend Jahren das Denken in Zahlen, die Logik, der Verstand, eine klare Priorität. Praktisch alle sozialen Regeln, unser Rechts- und Wirtschaftssystem, Verwaltung und Wissenschaft beruhen auf wohl begründetem logischen Denken. Wir betrachten es sogar gemeinhin als entscheidenden Vorteil des Menschen gegenüber den anderen Affen, in der Lage zu sein, im Denken, schrittweise und wohl begründet, von Zahl zu Zahl, von Messung zu Messung, von Argument zu Argument voranzuschreiten und auf diese Weise Wissen zu erwerben und Erkenntnis zu mehren. Wir müssen deshalb zwar andauernd rechnen, begründen und rechten, aber mit jedem logischen Schritt verspricht das Ergebnis des Denkens weniger falsch und also richtiger, besser und nützlicher zu werden.

Demgegenüber hat es unser Denken in Bildern, das Denken mit Phantasie und Gefühl, erheblich schwerer, zu praktischen Ergebnissen beizutragen, denn unsere Kultur hält es nur streng kontrolliert für vernünftig: Wir geben ihm breiten Raum in Kunst und Religion, also außerhalb des „richtigen“ Lebens, und weisen ihm manchmal eine Hilfsfunktion zu, um digitale Gedanken leichter vermitteln zu können. Sonst aber werden analoge Gedanken – so individuell, wie sie nun einmal sind – entweder als Meinungen oder Glauben toleriert, nicht selten auch verfolgt und bestraft, oder sie werden als Störungen betrachtet und einer Therapie unterzogen. In beiden Fällen bleiben sie fast immer ohne Bedeutung für das allgemein übliche praktische Handeln. Ein Ergebnis des Denkens mit Phantasie und Gefühl gilt nur dann als bedeutsam für andere Menschen, wenn es auch irgendwie logisch begründet wird – und mag die Begründung, selbst logisch betrachtet, noch so abseitig sein.

Das Denken im Stil meiner Familie macht seit gut einem Jahrhundert allmählich Schluss mit dieser im Lauf der Geschichte kulturell entstandenen, unphysiologischen Trennung der beiden Hälften der Hirnfunktion. Den Großeltern blieb nach der existenziellen Erfahrung mit der Fehlbarkeit der „guten“ Gründe und den offensichtlich gewordenen Mängeln des üblichen Denkens ihrer Zeit keine andere Wahl, als damit zu beginnen, ihr analoges Denken – ihren christlichen Glauben – in möglichst vielen Fragen bewusst zusätzlich einzusetzen, um mit Phantasie und Gefühl nach persönlich als vernünftiger betrachteten neuen und praktikablen Gedanken zu suchen. Für sie persönlich ergab sich dabei schlüssig, dass die bewusste zusätzliche Verwendung ihrer Spiritualität als Begründung für praktisches Handeln auch im täglichen Leben keine Minderung der Rationalität bedeuten musste, sondern eine erhebliche Zunahme der Vernünftigkeit zu ergeben versprach.

Heute vollzieht sich ein solcher Wandel des Denkens überall auf der Welt in ähnlicher Weise, längst nicht nur unter den Christen: Die Situation des Planeten und die Bilder, die täglich in wachsender Zahl darüber zu uns kommen, sind viel zu übermächtig, als dass man sich noch mit den Argumenten begnügen könnte, die für diese Bilder bisher als Begründung herhalten müssen. Ob etwas als gut oder schlecht, als nützlich oder schädlich betrachtet werden soll, wird heute von immer mehr Menschen in allen Kulturen und Ländern auch anhand der entstehenden Bilder zu entscheiden versucht. Es wird immer üblicher, das Denken in Bildern in allen möglichen Fragen gezielt und bewusst dafür einzusetzen, um in der Praxis des Denkens in Zahlen weniger Fehler machen. Das Ergebnis dieser Art Denkens mit Verstand und Gefühl auch in praktischen Fragen – die dabei entstehenden „tatsächlich neuen“ Gedanken – sind alle einander ähnlich und haben nach meinem Verständnis vier gemeinsame Merkmale.

Die vier Merkmale neuer Gedanken

Wie gesagt: Das Prinzip, digitales und analoges Denken bewusst und möglichst immer gemeinsam einzusetzen, begründet sich allgemein mit der Beobachtung, dass das übliche, überwiegend digitale Denken im Ergebnis zu Bildern führt, die nicht vernünftig genannt werden können, und es also vernünftiger wäre, zugleich mit dem Verstand das Gefühl zu benützen, um neue Gedanken, veränderte Bewertungen, richtigere Entscheidungen und ein vernünftigeres Handeln möglich zu machen.

Als unsere Großeltern damit begannen, aus spirituellen Gründen dem Denken in Bildern eine größere Bedeutung zu geben, waren sie mit ihrem Entschluss längst nicht so einsam, wie es ihnen selbst zunächst erschien. Denn etwa zeitgleich mit ihnen sah sich auch die Wissenschaft – und zuerst die theoretische Physik – aufgrund eigener, logisch erarbeiteter Resultate gezwungen, in Ausnahmefällen vom reinen Denken in Zahlen Abschied zu nehmen, obwohl es sich spätestens seit Isaac Newton ganz unumstritten bewährt hatte. Sie beschrieben diese Ausnahmefälle unter dem Oberbegriff der „Relativität“, und sie meinten damit, dass es offenbar Fälle gibt, in denen das logische Denken in Zahlen nur dann die Wirklichkeit zutreffend erfasst, wenn der einzelne Mensch zugleich sein Denken in Bildern benützt und sich zumutet, etwas eigentlich Unlogisches zu denken. Für mich ist in ähnlicher Weise das neue Denken im Ganzen ein „relativierendes“ Denken.

Ich sehe im neuen Denken vier Ebenen der Relativierung, vier Stufen einer Aufhebung bisher für logisch betrachteter Sichtweisen, üblicher Dichotomien und gängiger Gegensätze, und damit vier Formen des Abschieds von früher für zweifelsfrei gültig gehaltenen Regeln. Damit ein Gedanke tatsächlich als „neu“ gelten kann, sind nach meinem Verständnis alle vier Merkmale gleich bedeutsam, und fehlt auch nur eines von ihnen in einem vermeintlich neuen Gedanken, dann ist er voraussichtlich nicht wirklich neu.

1. Sie relativieren eine übliche Grundannahme

Neue Gedanken zeichnen sich zunächst dadurch aus, dass sie eine gültige, allgemein als logisch betrachtete und begründete Grundannahme in Frage stellen, weil die aus ihr entstehenden Bilder, bei entsprechend genauer Betrachtung, sie nicht mehr zu rechtfertigen scheinen. Die Grundannahme wird daher, bewusst und absichtlich, ergänzt durch ein Gegenteil, einen Gegenentwurf, eine Art Antithese. Dann aber werden, anders als im dialektischen Dreitakt, beide Entwürfe zugleich mit Phantasie und Gefühl betrachtet, eingeschätzt und bewertet, ohne sofort zu entscheiden oder wie üblich eine Synthese zu suchen. Dabei stellt sich fast immer heraus, dass es auch für den zweiten Entwurf ähnlich logische Gründe gibt, und dies verändert den Stellenwert der zuvor für unumstößlich gehaltenen Annahme, denn sie erweist sich als eine von mehreren, gleichfalls logisch begründbaren Möglichkeiten.

Für meine Großeltern war es nicht schwer, für fast jede Grundannahme des damals üblichen Denkens einen Gegenentwurf zu finden, sie mussten sich nur an die christliche Botschaft halten. Aber auch die moderne Physik stand zeitgleich, wie schon erwähnt, vor einer ganz ähnlichen Situation, denn in einigen sehr grundlegenden Fragen – zunächst der Frage der Eigenschaften des Lichts oder der Frage der Messbarkeit beweglicher Teilchen und einigen anderen mehr – fanden sie durch logische Schlussfolgerungen heraus, dass sie nur dann „richtig“ dachten, wenn sie sich in ihrem bildlichen Denken einen Widerspruch vorstellten und diesen nicht aufzulösen versuchten, wie es die wissenschaftliche Logik sonst verlangte.

Für die Physiker war eine solche Entdeckung nur schwer zu ertragen, denn eigentlich hatte ihr Denken für solche Fälle keinen Platz. Sie empfanden das nun als nötig erkannte Denken als so ungewöhnlich, dass sie ein neues Wort dafür prägten und von einem „komplementären“ Denken zu sprechen begannen. Sie ergänzten damit ihre Logik um eine Art Denken, das nur dann zu einem „vernünftigen“ Ergebnis kommt, wenn zwei eigentlich unvereinbare Sichtweisen, zugleich bedacht, sich gegenseitig ergänzen, wie zum Beispiel das Licht nur als „Welle und Teilchen zugleich“ richtig beschrieben sein sollte. Seitdem wird in vielen Bereichen der Wissenschaft längst in ähnlicher Weise komplementär gedacht, viele früher ganz selbstverständliche Einteilungen – zum Beispiel die Spaltung des Menschen in Körper und Seele – verschwinden zugunsten einer die Unbestimmtheit von Grenzen betonenden Sicht, und es wird immer üblicher, Einzelfragen nicht mehr als endgültig geklärt zu betrachten, sondern die Unsicherheit des Wissens und vor allem das Nichtwissen mit zu bedenken.

Das Besondere am komplementären Denken, sein Vorteil gegenüber dem ausschließlich logischen, besteht darin, dass sich dabei die frühere Annahme nicht etwa als völlig falsch erweist, sondern nur anders bewertet, relativiert wird: Man stellt fest, dass es auch für die gegensätzliche Annahme – zumindest in der eigenen Vorstellung und im eigenen Gefühl – ähnlich gute, wenn auch ganz andere Gründe gibt, sodass die alte Annahme und ihre für unumstößlich gehaltenen Gründe längst nicht mehr so triftig erscheinen. Komplementär zu denken befreit die Gedanken aus den Zwängen von Dogmen und Ideologien, schafft Raum für neue Ideen und entspricht doch eigentlich nur einer neuen, aus logischen Gründen konsequent eingeführten, zuvor nicht immer gegebenen Ehrlichkeit in die Gedanken und einem Hinwenden der Wahrnehmung auf die gegebene Wirklichkeit.

2. Sie relativieren einen üblichen Standpunkt

Das zweite Merkmal neuer Gedanken entspricht einer Anwendung des komplementären Denkens im Verhältnis zu einem Gegenüber, indem ein eigener, üblicher und begründeter Standpunkt in Frage gestellt wird, weil die aus den Folgen dieses Standpunkts entstehenden Bilder – zum Beispiel Bilder des Streits, der Konfrontation oder Blockade – ihn bei genauer Betrachtung nicht mehr zu rechtfertigen scheinen. Die eigene Perspektive wird daher bewusst und absichtlich ergänzt durch eine zweite, die man gedanklich einnimmt, um sie dann mit Phantasie und Gefühl zu betrachten, sie einzuschätzen und zu bewerten. Man wird bei dieser Art von Gedanken immer feststellen, dass es auch für eine solche zweite Sicht logische Gründe gibt, und dies verändert den zuvor für gesichert und unverrückbar gehaltenen eigenen Standpunkt – wohl zumeist im Sinn einer Annäherung.

Im Prinzip ist in unserer Kultur diese Art von Gedanken nur in Ausnahmefällen erwünscht. Es gilt allgemein als Zeichen eines wachen Verstands, einen klaren Standpunkt zu haben und ihn zu vertreten, Partei zu ergreifen und seine Interessen, wohl begründet, mit Entschiedenheit zu vertreten. Auch ist man im allgemeinen gehalten, sich auf die eigene Zuständigkeit und Verantwortung zu beschränken und sich in fremde Belange nur mit triftigen Gründen einzumischen. Im üblichen Denken ist deshalb bis heute der Streit von Parteien und Gruppen um den besser begründeten Standpunkt in allen nur möglichen Fragen ein gefährliches Hemmnis auf dem Weg zu einer besseren und gerechteren Welt.

Ich bezeichne dieses Merkmal neuer Gedanken als ein „identifizierendes“ Denken, denn es bedeutet, sich gedanklich in einen als fremd betrachteten Standpunkt hineinzuversetzen, sich mit ihm identisch zu fühlen. Anlass für solche Gedanken ist oft ein Gefühl der Betroffenheit, das durch ein Ereignis, durch ein Bild oder eine Vorstellung ausgelöst wird. Die Betroffenheit ist ein einfaches Beispiel dafür, wie der durch sie ausgelöste Wechsel der Perspektive zu einem veränderten, subjektiv ebenfalls gut begründeten Standpunkt führt. Im neuen Denken wird dieser Vorgang in freier Entscheidung genutzt, um Konfrontationen beizulegen, Streite zu schlichten, Konflikte zu lösen und Gegner zu versöhnen. In dieser Art Denken beobachte ich seit einem halben Jahrhundert weltweit die deutlichste Veränderung: Es ist längst kein Zeichen von Schwäche mehr, sondern gilt immer öfter als besondere Klugheit, fähig zu Kompromissen zu sein, und die Bereitschaft wächst, sich einzusetzen für andere, auch ganz fremde Menschen, sich für die Tiere und Pflanzen zuständig zu fühlen und verantwortlich für das Wohl des ganzen Planeten. Heute gilt längst nicht mehr als wunderlich, wer sich auf den Standpunkt eines Kälbleins beruft, wie damals der Großvater, als er schon in jungen Jahren kein Fleisch mehr zu essen beschloss.

Das Besondere an diesem Merkmal neuer Gedanken ist wie beim ersten, dass der eigene Standpunkt, die eigenen Interessen, weiterhin begründet und berechtigt bleiben, aber anders bewertet, relativiert werden. Man stellt fest, dass es auch für einen anderen Standpunkt – in der eigenen Vorstellung und im eigenen Gefühl – einen oder mehrere ähnlich berechtigte, wenn auch ganz andere Begründungen und Interessen gibt, sodass die eigene Perspektive weniger starr in eine einzige Richtung geht. Identifizierend zu denken befreit die Gedanken aus den Zwängen von Parteien, Gruppen und Lagern, aus der Beschränkung der eigenen Zuständigkeit und Verantwortlichkeit und lenkt den Blick auf die vernetzte Vielfalt des Lebens und die Wechselseitigkeit aller Beziehungen. Es schafft Raum für neue Bündnisse und gemeinsame Entscheidungen und entspricht doch eigentlich nur einem neuen, aus logischen Gründen konsequent eingeführten, zuvor noch zu wenig ausgeprägten Respekt vor dem Gegenüber in die Gedanken und einem Zurücknehmen zuvor gegebener, für selbstverständlich gehaltener eigener Rechte.

3. Sie relativieren eine übliche Zielgröße

Während die beiden ersten Merkmale gewissermaßen die Basis bilden, stellt dieses Merkmal die Verhältnisse komplett neu auf. Hier geht es darum, die digitalen Zielgrößen Zeit, Macht und Geld durch andere Zielgrößen zu ergänzen, weil das aus ihnen logisch begründete Ziel – sie zu vermehren, indem man gewinnt – Bilder der Hetze und Unterdrückung, der Gewalt und des Elends erzeugt, die bei genauer Betrachtung diese Zielgrößen nicht mehr rechtfertigen können. Es geht darum, sie als optional, als letztlich freiwillig gewählt zu begreifen, ihnen deshalb bewusst andere Größen gegenüberzustellen und achtsam zu prüfen, was für ein Gefühl dabei entsteht und was dies, wenigstens in der eigenen Phantasie, für die jeweils betrachtete Frage bedeuten könnte. Man wird auch bei dieser Art von Gedanken feststellen, dass es für solche anderen Zielgrößen immer ebenfalls sehr vernünftige Gründe gibt, und dies verändert den Stellenwert der alten Größen erheblich.

Diese Art von Gedanken haben in unserer Kultur bisher kaum eine praktische Bedeutung, denn gerade die digitalen Zielgrößen scheinen bestens geeignet, das politische, soziale und ökonomische Leben logisch und vernünftig zu gestalten: Sie sind sehr einfach zu messen, man kann gut mit ihnen rechnen, und so erscheint es wie selbstverständlich, dass das Geld die Welt regiert, dass man es gleichsetzt mit Zeit, und dass mehr Geld, Macht oder Zeit zu haben viel besser ist als wenig davon. Zugleich erweisen diese üblichen Zielgrößen sich gerade in jüngerer Zeit als immer weniger sicher berechenbar: Wir erleben eine Finanzwirtschaft, die sich längst losgelöst hat vom wirklichen Geld, wir erfahren, wie Macht immer komplizierter und immer weniger durchschaubar ausgeübt wird, und wir erkennen, dass immer mehr Menschen dem ihnen aufgezwungenen Zeitdruck nicht mehr gewachsen sind. Das Vertrauen auf die Vernünftigkeit unserer Zielgrößen hat in eine Dauerkrise geführt, in der Banken und Börsen die politische Richtung bestimmen, staatliche Schuldenprobleme zum ungelösten Normalfall werden, Waffengeschäfte zu den lohnendsten Unternehmungen zählen und militärische Maßnahmen zur Erhaltung von Geld und von Macht die hektische Tagesordnung der Krisenverwalter bestimmen.

Deshalb sind es gerade diese Zielgrößen, die in den Berichten des Club of Rome die zentrale, entscheidende Rolle spielen: Nach ihren Erkenntnissen führt kein Weg daran vorbei, sie zu überprüfen und zu einer neuen Bewertung der Ziele des gemeinsamen Lebens zu finden. Ich bezeichne diese Art von Gedanken vorläufig als ein „zeitvermeidendes“ Denken, denn das Bewusstsein für die verrinnende Zeit und ihre Begrenztheit scheint mir der Motor für das scheinbar so logische Streben nach Geld und nach Macht zu sein. Man könnte diese Art von Gedanken ebenso gut „machtverzichtend“ oder, wie unser Vater es gelegentlich sagt, ein gedankliches „Absteigen“ und „Unten-Leben“ nennen. Die praktische Umsetzung solcher Gedanken kommt bisher nur bei Außenseitern voran, erweist sich aber im Kleinen als höchst erfolgreich und zukunftsträchtig: In Überlegungen zu einer neuen Ökonomie, die mit neuen Methoden der Bewertung und Rechnung zu Nachhaltigkeit, Freiheit von Marktzwängen und Orientierung auf die tatsächlichen Bedürfnisse aller zu führen verspricht, oder in Versuchen der Befreiung von Arbeitshetze und von der Zweckbindung des Gelds durch die Macht. Nur im Königreich Bhutan wird bisher der schöne und nützliche Gedanke eines „bruttosozialen Glücks“ ernsthaft als Faktor in die Bilanzen einbezogen, während es sonst bei zahlreichen originellen, aber noch kaum praktisch wirksamen Gedanken über Entschleunigung, freiwilligen Konsumverzicht und ein Zurücknehmen des ökonomischen Wachstums bleibt.

Das Besondere an diesem Merkmal neuer Gedanken ist wiederum, dass sie nur auf den ersten Blick unlogisch, unökonomisch wirken, denn sie schaffen das Geld, die Zeit und die Macht ja nicht ab, sondern geben ihnen nur einen neuen, relativierten Stellenwert, indem – zunächst wenigstens in der Vorstellung – andere Größen die Berechnung ergänzen. Lässt man sich gedanklich darauf ein, zugleich auch dem Augenblick und dem Glück einen Wert zu geben und zeitvermeidend zu denken, verändert sich die Wahrnehmung dessen, was man für erforderlich, erstrebenswert oder wünschenswert hält. Zeitvermeidend zu denken führt deshalb im Ergebnis zu einer neuen Bewertung der Ziele des Handelns und der Methoden, mit denen man sie zu erreichen versucht. Die Gedanken werden frei für Entscheidungen zur Heilung und zum Ausgleich der Schäden, die im Gefolge des bisher üblichen Denkens entstanden sind. Zugleich entspricht diese Art Denken nur einer aus logischen Gründen gebotenen, konsequenten Einführung von Gewaltlosigkeit und einer im „richtigen“ Leben zuvor kaum je gefundenen, gegenwärtigen Liebe im Denken und ihrer praktischen Anwendung zur Lösung der gegebenen Krise.

4. Sie relativieren eine übliche Angst

Alle drei bisher beschriebenen Merkmale neuer Gedanken würden zwar, konsequent angewandt, schon zu völlig veränderten Verhältnissen führen, aber damit neue Gedanken tatsächlich wirksam werden, ist noch ein viertes Merkmal unabdingbar, das den Beweggrund, das Motiv der Entscheidungen und des Handelns betrifft. Dabei geht es darum, eine der vielen üblichen Ängste, so logisch und begründet sie seien, bewusst und absichtlich in Frage zu stellen, weil sie im Ergebnis zu Bildern führen, die bei genauer Betrachtung selbst diese Ängste nicht mehr als berechtigt erscheinen lassen. Die eigenen Ängste werden daher bewusst und absichtlich durch eine zweite Vorstellung einer hoffnungsvolleren Zukunft ergänzt, um sie dann mit Phantasie und Gefühl zu betrachten, einzuschätzen und zu bewerten. Man wird dabei feststellen dass es auch für solche erfreulicheren Vorstellungen durchaus vernünftige, logische Gründe gibt, und dies verändert die zuvor für so logisch gehaltene Angst erheblich.

Jede Angst, so logisch und begründet sie erscheint, ist aber ein analoges Geschehen, sie ereignet sich im Gefühl und findet erst nachrangig im digitalen Denken die nötigen Gründe. Deshalb sind gerade Ängste durch das Denken in Bildern besonders leicht zu verändern. Jeder, der einmal in einer mit großer Angst verbundenen Lage war, kennt diese Wirkung eines begründeten Gegenbilds, einer begründeten Hoffnung auf ein gutes Ende. Wohl alle haben schon selbst erlebt, wie eine Angst sich vermindert, sobald man mit Phantasie und Verstand zugleich versucht, sich eine bessere Zukunft vorzustellen und Gründe für sie zu finden. Die Angst ist deshalb bei weitem das beste Beispiel, um die Wechselwirkung der beiden Arten des Denkens selbst zu erfahren und sie dann bewusst gemeinsam einzusetzen, um auch in anderen Zusammenhängen neue Bewertungen zu finden.

Dieses vierte Merkmal der neuen Gedanken nenne ich bisher ein „zuversichtliches“ Denken, und man muss zugeben, dass es in unserer Kultur kaum verbreitet ist. Es bildet zwar im Prinzip das Zentrum der christlichen Botschaft, gilt aber im „richtigen“ Leben eher als Zeichen gutgläubiger Harmlosigkeit oder fehlenden Faktenwissens. Man warnt zwar, die Angst sei ein schlechter Ratgeber, aber es wird doch allgemein als Zeichen von Weitsicht betrachtet, fast überall mit dem Schlimmsten zu rechnen, also misstrauisch zu sein und Vorkehrungen zu treffen gegen alle nur denkbaren Gefahren. Das Wettrüsten der Staaten, getrieben von Ängsten vor einem zukünftigen Angriff, ist das drastischste, warnendste und gefährlichste Beispiel für die Folgen dieser Art Denken: Aus lauter Angst voreinander und gegenseitigem Misstrauen ist eine Lage entstanden, in der es so viele logische Gründe für jede Art von Befürchtungen gibt, dass der allgemeine Pessimismus, eine verbreitete traurige Stimmung und Resignation nur allzu vernünftig erscheinen.

Das Besondere am zuversichtlichen Denken ist, dass die Gründe für die eigenen Ängste und Sorgen sich nicht unbedingt verändern, sondern sie werden durch begründete Hoffnungen ergänzt und so relativiert. Dies verändert die Vorstellung darüber, was man für sein Leben zukünftig erwartet, befreit damit das Denken von seiner üblichen Festlegung auf die von Ängsten belastete Zukunft und erlaubt, sich gedanklich der Gegenwart ganz zu widmen, dem Augenblick, in dem man tatsächlich denkt. Erst das zuversichtliche Denken verhilft zur nötigen Ruhe und Zeit, um durch neue Gedanken gemeinsam die Krise zu wenden, indem immer öfter und konsequenter komplementär, identifizierend und zeitvermeidend gedacht wird. Von ihm erhoffe ich mir die nötige Freiheit im Denken, um in der heutigen, alle Bereiche des Lebens umfassenden Krise zu neuen Bewertungen, neuen Entscheidungen und neuem Handeln zu kommen. Außerdem haben Hoffnungen vielleicht auch selbst schon eine die Fakten verändernde Wirkung, und zuversichtlich zu denken beeinflusste dann sogar direkt den weiteren Krisenverlauf. Meine Erfahrung spricht für diese Annahme – aber wie dem auch sei: Zuversichtlich zu denken entspricht eigentlich vor allem einer aus logischen Gründen gebotenen, konsequenten Einführung ins übliche Denken eines zuvor schier undenkbaren Vertrauens auf eine gerechtere, friedlichere und glücklichere Zukunft der Welt.

Die grundsätzliche Schwierigkeit des neuen Denkens

Das Besondere am neuen Denken ist, dass es nur hinsichtlich seiner Logik, seines digitalen Anteils, in klaren Worten dargelegt und erklärt werden kann, während seine analoge, ergänzende Hälfte ein so subjektiver und individueller Vorgang ist, dass kein Weg vorbeiführt an eigenen Erfahrungen. So kann man neue Gedanken zwar aufschreiben und begründen, ob sie aber stimmen, ob sich aus ihnen vernünftigere Bewertungen ergeben, kann nur jeder einzelne selbst entscheiden. Eine religiöse Überzeugung zu haben und spirituelle Erfahrungen zu machen wie in meiner Familie, erleichtert das Finden neuer Gedanken sehr, aber es genügt, wie die Geschichte zeigt, meistens nicht, um das tatsächliche Entscheiden und Handeln prinzipiell zu verändern. Da ist das übliche Denken unserer Kultur, das Bevorzugen des Denkens mit dem Verstand, noch fast immer zu fest verankert.

Anders stellt sich die Situation im Fall einer persönlichen Krise dar, zum Beispiel angesichts einer Krankheit oder einer erlebten konkreten Situation, die plötzlich und unerwartet eine bisher für unumstößlich gehaltene Bewertung verändert. Dann fällt es leichter, sich aus den üblichen Bahnen des Denkens zu lösen und nach neuen Bewertungen zu suchen, um die Krise oder das Erlebte besser zu bewältigen. Und hat man an einem einzelnen Beispiel begonnen, „noch einmal von vorne anzufangen“, neu zu bedenken und zu bewerten, dann wird die dabei gemachte Erfahrung verfügbar, um sie auch auf andere Fragen, andere Probleme und Krisen, anzuwenden und auch hier in ähnlicher Weise neu zu bewerten, anders zu entscheiden und anders zu handeln.

Eigentlich besteht heute für jeden einzelnen, auch ohne jede persönliche Krise, hinreichend Grund, nach neuen Gedanken zu suchen, denn die globale Krise der Erde spart niemanden aus. Wir alle sind von ihr betroffen, und niemand kann sich, vernünftigerweise, den dabei entstehenden Fragen persönlich entziehen – es ist uns nur unterschiedlich bewusst. Deshalb liegt eigentlich nahe, für sich selbst am Beispiel einer der zahllosen ungelösten Fragen des heutigen Lebens damit zu beginnen, mit Phantasie und Gefühl zu prüfen, ob wirklich nur die üblichen Grundannahmen, die üblichen Standpunkte, die üblichen Ziele und die üblichen Ängste unser Entscheiden und Handeln bestimmen können – oder ob mit Phantasie und Gefühl auch andere Möglichkeiten zu finden und zu begründen sind. Man wird feststellen, dass sich dabei im eigenen Denken eine Menge verändert, auch wenn man es den anderen vielleicht nicht gleich erklären kann. Denn das gehört zum Wesen neuer Gedanken: Sie entwickeln ihre Überzeugungskraft, ihre Logik, in erster Linie im eigenen Kopf.

Nur eine einzige Voraussetzung gibt es für das Finden eigener neuer Gedanken: Man darf nichts, wirklich gar nichts, für „alternativlos“ halten. Dieses politisch heute gerne verwendete Wort stellt schon in sich ein Ding der Unmöglichkeit dar, denn selbst digital betrachtet, mit dem reinen Verstand, muss es logischerweise immer zwei Möglichkeiten geben. Wer eine zweite Möglichkeit auch nur in einer einzigen der heute anstehenden Fragen leugnet, zeigt eine Schwäche des eigenen Denkens, die ihm dringlicher Anlass sein sollte, auch unter Einsatz der andere Hälfte des Hirns nach den angeblich fehlenden Alternativen zu suchen. Denn hier liegt die einzige Schwierigkeit: Man muss selbst beschließen, neue Gedanken zu suchen, muss sie selbst an persönlichen Beispielen ausprobieren und achtsam prüfen, wie sich das eigene Denken dabei verändert. Dieser Entschluss fällt leichter, wenn man erkennt, worin die Nützlichkeit des neuen Denkens – ganz logisch und ganz vernünftig – besteht.

Der Nutzen des neuen Denkens

Ich fasse noch einmal zusammen: Neu zu denken besteht nach meiner Beobachtung der „Sicht der Familie im weitesten Sinn“ darin, bewusst – konsequent und möglichst in jeder einzelnen Frage – das übliche Denken in Zahlen, den Verstand, durch das Denken in Bildern, die Phantasie und das Gefühl, zu ergänzen. Man versucht, durch bewussten Einsatz der freien Ressource im rechten Gehirn die Wirklichkeit vollständiger wahrzunehmen und so neue, vernünftigere Bewertungen zu finden, die im täglichen, praktischen Leben ein besseres und gerechteres Entscheiden und Handeln erlauben. Wer von sich aus in diesem Sinn neu zu denken beginnt, muss die Nützlichkeit nicht mehr erklärt bekommen, denn er spürt ganz von selbst, wie erleichternd es ist, in solchen neuen Bahnen zu denken. Man wird sehr rasch bemerken, dass praktisch alle zuvor für unausweichlich und vielleicht sogar alternativlos betrachteten Zwänge bei veränderter Bewertung auch sehr grundlegend anders betrachtet und so vielleicht sogar gelöst werden können. Man muss es nur wagen und achtsam beobachten, wie sich die entstehenden Bilder verändern – ob die Richtung stimmt, spürt man dann selbst.

Wer dagegen skeptisch ist und nicht gleich den Selbstversuch unternehmen möchte, versteht den Nutzen vielleicht am besten aus einem Satz meines Vaters, als wir zusammen vor Jahren wieder einmal die völlig verfahrene Lage im Nahen Osten bedachten: „Man sollte endlich die Feindesliebe nicht mehr für eine edle Erfindung der Christen halten, sondern sie begreifen als das einzige wirklich ökonomische Prinzip.“ Denn dies ist das Nützliche am neuen Denken: Indem es Fehler im digitalen Denken zu vermeiden hilft und dafür sorgt, dass die Gedanken der Wirklichkeit besser entsprechen, ihr „analoger“ werden, erspart es unendlich viel sinnlose Anstrengung und unnötige Kosten, vermindert Verluste an Lebenszeit, Lebenskraft und Lebensmut. Auch im neuen Denken wird kein früherer Grundsatz völlig undenkbar, kein früherer Standpunkt ganz unvertretbar, keine frühere Zielgröße absolut unberechtigt und keine frühere Angst vollkommen unbegründet erscheinen. Aber sie verlieren ihre vermeintliche Ausschließlichkeit, und dabei eröffnen sich neue, ebenfalls logische Grundsätze, Standpunkte, Zielgrößen und neue Hoffnungen.

Die vier Merkmale des neuen Denkens begründen sich ursprünglich zwar aus der christlichen Botschaft, aber ihr Ausgangspunkt kann auch die schlichte Logik sein: Wenn die Beschränkung auf den Verstand uns Menschen und den einzigen Lebensraum, den wir haben, so weit in die Krise gebracht hat, dass das Überleben in Frage steht, ist es nicht mehr als logisch, diesen digitalen Verstand bewusst und absichtlich durch das analoge Gefühl – also den ganz zu Unrecht so genannten Unverstand – zu ergänzen und zur Lösung des Dilemmas zu nutzen, das Albert Einstein schon vor Jahrzehnten so beschrieb: „Unsere zentralen Probleme können nicht auf derselben Stufe des Denkens gelöst werden, auf der wir sie geschaffen haben.“ Die ersten Schritte auf dem Weg in eine solche neue Stufe des Denkens werden überall auf der Welt in kleinen Gruppen längst geplant und sehr erfolgreich probiert, es gibt einen Wissenschaftszweig, der diesen als „Transition“ bezeichneten Vorgang erforscht und begleiten wird. Überall auf der Welt gibt es Bewegungen, Projekte, Ideen, die alle in eine ähnliche Richtung weisen. Es fehlt eigentlich nur noch, dass auch die übrigen, weiterhin vorwiegend auf den Verstand alleine vertrauenden Menschen den Schritt in die nächste Stufe als ökonomisch „fast alternativlos“ und also als „sehr vernünftig“ erkennen.

Einen solchen Wechsel der Stufe des Denkens bezeichnet die Wissenschaft als einen „Paradigmenwechsel“. Das ist inzwischen ein häufig verwendetes Wort, und es meint einen Wandel im Denken, der dadurch entsteht, dass irgendein neu entdecktes Beispiel, ein Einzelfall, vielleicht ein Sonderfall, gedanklich zum allgemeinen Modellfall wird für ein im Ganzen verändertes Denken. Der Paradigmenwechsel, der sich in unserer Zeit im Bewusstsein vollzieht, vom alten zum neuen Denken, hat als Beispiele immer ein persönlich erlebtes, empfundenes Bild, deshalb vollzieht er sich individuell und längst nicht bei allen zugleich. Es sind solche persönlich empfundenen Beispiele, die vielleicht zunächst ganz unbewusst zu Modellen werden und dazu führen, dass sich die Bewertungen auch in anderen Fragen des „richtigen“ Lebens verändern. Ist aber der Schritt in die nächste Stufe einmal vollzogen, kann nichts ihn mehr rückgängig machen, und nichts bleibt mehr, wie es war.

Diesen letzten Gedanken finde ich wichtig, um nicht mutlos und traurig zu werden in diesen bewegten Zeiten, denn im Ganzen gesehen entspricht der Wandel des Bewusstseins hin zum neuen Denken einem Wachstumsprozess, den man graphisch als S-Kurve darstellen kann: Wachstum beginnt zunächst ganz leise, nimmt allmählich zu, wird schließlich sehr schnell und durchläuft einen Wendepunkt, um danach ganz allmählich wieder zur Ruhe zu kommen. Auch wenn also heute das neue Denken noch wenig bewirkt und die meisten Menschen, vor allem die Mächtigen glauben, man könne es im Prinzip – bis auf ein paar zusätzliche Regeln – beim alten Denken belassen, dann kann sich dies künftig immer rascher auch ändern. Das Denken der winzigen Minderheit unserer Großeltern und der wachsenden Minderheit meiner heute schon großen Familie kann durchaus ganz bald zur allgemeinen Methode werden.

Dies wird zwar kein einzelner Tag sein, an dem es Hirn regnet, wie es die schwäbischen Denker schon lange von ihrem Herrn erflehen, sondern ein allmählicher Wandel, mit Rückschlägen und nicht ohne Gegenwehr, der sich doch unaufhaltsam in jedem Einzelnen einmal vollzieht: an verschiedenen Beispielen und verschieden schnell, aber immer in ähnlicher Weise und also letztlich gemeinsam. Ich bin überzeugt – ganz gleich, ob ich das Prinzip und die Merkmale des neuen Denkens hier richtig beschreibe, ganz gleich, ob jemand diese Gedanken zum Geburtstag des Vaters liest und versteht: So wird es Gott sei Dank sein!