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Die ersten sieben Tage der neuen Zeit

Dieser Text zum 90. Geburtstag unseres Vaters und Großvaters Jörg Zink entspricht in seiner Form einer Rede, die er selbst im Jahr 1970 in Stuttgart auf der ersten großen Anti-Atom-Demonstration gehalten hat und die seitdem als Die letzten sieben Tage der Schöpfung vielfach zitiert wird. Schon 1992 bezeichnete er in seiner Autobiographie diese frühe Beschreibung einer möglichen Zukunft als einen "frivolen" Versuch, einer zunächst nur von Minderheiten erkannten Bedrohung des Biosystems einen bildlichen, drastischen Ausdruck zu geben. Die hier folgende kurze Geschichte ist deshalb zwar ein Ergebnis von Überlegungen, die der Bericht Das Märchen von Eden ausführlich erklärt. Sie beschreibt aber vor allem – in Fortführung und Ergänzung dieser vor mehr als vierzig Jahren entstandenen Rede – unser seitdem gewachsenes Verständnis der möglichen Aussichten in eine neue, veränderte Zukunft.


Am Anfang,

ganz am Anfang, schuf Gott Himmel und Erde, dann zwischen den beiden, ein wenig später, das Leben. Das begann, kaum geschaffen, sogleich an zu wachsen, gedieh durch Milliarden von Jahren und wurde, trotz manchen Rückschlags, mit jedem Jahr üppiger, bunter und schöner, und auch die Menschen fügten sich gut ins große entstehende Ganze. Kritisch wurde es erst, als ein kleines Häuflein von ihnen zu glauben begann, aus einem Garten in Eden vertrieben zu sein und seither gleich Gott dazu fähig, alles allein mit dem Verstand zu bewerten, während Gefühle im richtigen Leben für sie bedeutungslos seien. Anfangs brachte ihr Irrtum so große Erfolge, dass man ihn zuletzt überall auf der Welt für das richtige Leitbild hielt. Leider führte er auch zu einer Lage, die sich für die Menschen und alles Leben als todesgefährlich erwies.

In der Nacht dieser Gefahr,

etwa zwischen fünf vor zwölf und halb drei, begann bei immer mehr Menschen ein neues Bewusstsein zu wachsen. Sie erkannten mit ihrem Verstand, wie ein blinder Glaube an Logik und Zahlen sie immer tiefer in ihre Krise brachte, und sie entschieden, alles, alles noch einmal mit Phantasie und Gefühl – also jeder für sich – in Frage zu stellen. Damit begann – für jeden zur eigenen Zeit, doch dann für alle gemeinsam – die längst überfällige Heimkehr nach Eden: der Aufbruch in die neue Zeit.

Am ersten Tage

ruhte der Mensch sich zunächst einmal aus. Endlich schaute er ohne fertige Meinung, ohne die übliche Hektik und sah, was er mit seiner Erde angestellt hatte. Er ließ die entstandenen Bilder von Rechtlosigkeit und Zerstörung, Elend und Tod wirken auf seine Gefühle, und er zog die Bilanz der vielen Zahlen und triftigen Gründe, die solche Bilder für unvermeidlich erklärt und gerechtfertigt hatten. Schon gegen Mittag fand er nicht mehr logisch, wie er bisher gedacht und entschieden hatte, nachmittags stieß er auf zahlreiche Beispiele, die eine andere Logik als gangbar und möglich zeigten, und abends war ihm sonnenklar, dass ein paar kleine Änderungen nicht genügten. Er ging früh ins Bett, denn ab morgen würde er vieles, sehr vieles – eigentlich alles – neu zu bedenken und neu zu probieren haben.

Am zweiten Tage

erkannte der Mensch, dass seine zahllosen Ängste die alles entscheidenden und doch seine schlechtesten Ratgeber waren. Er stellte fest, dass mit etwas Phantasie neben den logischen Ängsten immer auch sehr berechtigte, gut begründbare Bilder der Hoffnung zu finden waren, um ausgerichtet auf sie neu bewerten, entscheiden und handeln zu lernen. Das half ihm, eine gerechtere, bessere, schönere Zukunft sich vorzustellen, der Mensch verlor seine Traurigkeit und fand den Mut, auch die folgenden Tage zu wagen.

Am dritten Tage

erkannte der Mensch, dass er – einmal befreit von der Last und dem Zwang seiner logischen Ängste – all die Schubladen nicht mehr brauchte, in die er sich selbst und die übrige Welt hineingepresst hatte, um alles in fein sortierte Gruppen zu spalten: in Frauen und Männer, in Schwarz, Weiß, Gelb oder Rot, in Reiche und Arme, Gläubige, Ungläubige, Schlechte und Gute. Er entdeckte, wie ähnlich sie alle sich sahen: Menschen wie er, viel ähnlicher ihm, als er je gedacht hatte, und er verstand, wie unbedeutend und nichtig die früher so wichtigen Unterschiede waren. Er beschloss, fortan ehrlich zu sein, und begrub noch vor Einbruch der Dämmerung all seine alten Doktrinen und Ideologien im Garten hinter dem Haus.

Am vierten Tage

erkannte der nun seiner Scheuklappen ledige Mensch, wie seine Parteilichkeit und die durch sie genährten Konflikte ihn selbst und das übrige Leben in diese so große Gefahr gebracht hatten. Er fühlte endlich Verantwortung nicht für die Gründe, sondern die Folgen des eigenen Tuns und wollte sich also versöhnen mit seinen Gegnern und allen anderen lebenden Arten. Gleich in der Frühe entfachte er auf dem Hof ein Feuer und warf sein Parteibuch hinein, die Mitgliedsausweise und Zutrittskarten, den Pass und die Liste der wenigen Nachbarn, die bei ihm zuletzt noch ein Bleiberecht hatten. Dann riss er die hohen Mauern ein, die ihm zuvor halfen, sich zu verschanzen und sicher zu fühlen. Er nahm die Steine, um Wohnraum für alle zu bauen und Wasserbehälter für Gewächshäuser und neue Wälder, in denen er das schon so gut wie verlorene Leben respektvoll gesundpflegen wollte. Der Tag strengte ihn an, sein Stolz und die Knochen taten ihm weh, doch er spürte genau, wie alles Lebendige bei seiner Heilung zu helfen begann. Als er todmüde einschlief, war der Mensch überzeugt, seine Mühe werde sich lohnen.

Am fünften Tage

erkannte der ohne trübende Brillen schauende Mensch, beweglich in Grundannahmen und Standpunkt, wie beliebig und falsch er bisher seine Zielgrößen festgelegt hatte. Als erstes betrachtete er das Geld und sofort fiel ihm auf, wie egoistisch und rücksichtslos er es zu verschleudern gewohnt war. Der Mensch hörte auf, es in eine kranke Wirtschaft, in Rüstung, entbehrliche Technik, vermeintlichen Fortschritt und Luxus zu investieren, und stellte sehr erstaunt fest, wie viel er dann übrig behielt – längst genug, um es gerecht und zum Nutzen aller auszugeben. Das Geld und die Wirtschaft waren, gemessen am übrigen Schaden, kein wirklich großes Problem, hier musste er lediglich neu und vernünftig verteilen.

Am sechsten Tage

erkannte der ehrlich, respektvoll und recht begütert gewordene Mensch, wie sehr seine alte Zielgröße Macht ihn bisher gehindert hatte, im Sinn des gemeinsamen Ganzen zu denken und zu entscheiden. Er ließ Volksvertreter, Politiker, Wirtschaftslenker und Polizisten wissen, wie wenig er ihnen noch folgen wollte, solange in ihrem Handeln der Wunsch nach Machterhalt und die Gier, Neid oder Rachsucht zu spüren waren. Er lud sie ein, zusammen verträgliche Kompromisse zu suchen und in solidarischer Liebe gemeinsame Wege des Miteinanders zu finden. Wenn sie ihn nicht ernstnahmen oder sich wehrten, lachte er sie nur noch aus, denn er war gewiss, dass auch sie bald verstehen oder für immer verschwinden würden.

Am siebten Tage

schließlich erkannte der frei und erwachsen werdende Mensch, dass selbst die scheinbar so sichere Zielgröße Zeit höchst relativ war. Er verstand seine fixe Idee einer stets verrinnenden Zeit als nur eine von mehreren Möglichkeiten und spürte, dass menschliche Lebenszeit viel mehr einer Reihung erlebter Augenblicke entsprach. So verlor auch der Tod ganz erheblich an Schrecken, der Mensch konnte achtsam und sorgsam, ganz ohne Eile, in neuer Verbundenheit heilsam sein auf seiner alten Erde. Ab und zu setzte er sich, um für zehn Minuten den Chören der Engel zu lauschen. Glücklich in seinem Augenblick, freute er sich des neuen Lebens und wusste, auch morgen würde noch Zeit sein sich auszuruhen.